Der Etana-Mythos
Eine Übergangsgeschichte aus dem Zweistromland

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6. Zwischen den Zeilen lesen - Eine Deutung

Der Mythos gibt meines Erachtens weitere Geheimnisse preis, wenn wir den Text im Detail betrachten. Möglicherweise lässt sich daraus eine ältere, oder gar die Urfassung rekonstruieren. Ich meine Textstellen, die nicht ganz stimmig sind, an denen wir daher zweifeln können, Textstellen, die nicht in allen Fassungen vorhanden sind und solche, die ganz harmlos daher kommen und hinter denen sich Abgründe auftun. Ich möchte drei exemplarisch herausgreifen.

Szene 1: Die Schlange und der Adler im Nest

Altbabylonisch:
Als alles empfing und alles gebar,
da gebar im Schatten der Pappel die Schlange,
(und) über ihr gebar der Adler.
(...)
Ein kleines Junges, überragend an Verstand,
an den Adler, seinen Vater, richtete es das Wort:
Mein Vater, friss nicht! ... (aus: Quelle 1)

Mittelassyrisch:
Als in der Spitze des Baumes der Adler geboren hatte,
da gebar in der Wurzel der Pappel die Schlange.
(...)
Ein kleines Junges, überragend an Verstand,
richtete an den Adler, seinen Vater, das Wort: (...) (aus: Quelle 1)

Neuassyrisch:
Ein kleines Junges, überragend an Verstand, richtete an den Adler, seinen Vater, das Wort:
"Friss nicht, mein Vater! Das Netz des Shamash wird dich fangen!" (aus: Quelle 1)

Die Szene von der Schlange und dem Adler, die zunächst in friedlicher Eintracht auf der Euphrat-Pappel leben, unterscheidet sich inhaltlich leicht aber nicht unbedeutend. Altbabylonisch und mittelassyrisch wird vom Gebären berichtet. Dann jedoch ändert der Adler das Geschlecht, er wird als Vater vorgestellt und frisst als solcher die Kinder der Schlange, der kein Geschlecht zugeordnet ist. In der neuassyrischen Fassung fehlt das Gebären, die Kinder sind auf einmal da. Der Adler jedoch wird erneut als Vater vorgestellt.

Der Menschheit war der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt lange Zeit nicht bekannt. In matrifokalen Gemeinschaften, die die Ehe ja noch nicht praktizierten, war der leibliche Vater meist unbekannt. Möglicherweise gab es also in der Urfassung nicht die Unterscheidung zwischen Mutter und Vater, oder es waren mit Adler und Schlange zunächst zwei weibliche Wesen gemeint, wie in vielen Mythen am Anfang der Welt zwei weibliche Wesen stehen. Vielleicht spiegelt sich darin auch eine Vorstellung von der Einheit von Frau und Mann. Zur Urfassung könnte demnach nachträglich der Vater hinzugefügt worden sein, später wurde die Mutter (das Gebären) offensichtlich weggelassen.

Szene 2: Der Adler bettelt um Gnade

Altbabylonisch

Die Schlange tat ihren Mund auf und sprach zum Adler: "Aber ließe ich dich frei, wie soll ich droben Samas antworten? Deine Strafe würde sich gegen mich wenden!" (aus: Quelle 1)

Neuassyrisch

Als er in das Innere (des Kadavers) eindrang, packte ihn die Schlange bei seinen Flügeln.(...) Der Adler tat seinen Mund auf und sprach zu der Schlange: "Hab' Gnade mit mir, dann will ich dir wie ein Bräutigam eine Ehegabe geben!" Die Schlange (...) sprach zu dem Adler: "Ließe ich dich frei, wie sollte ich dann Shamash droben befriedigen? Deine Strafe würde sich gegen mich wenden, ..." (aus: Quelle 1)

Die Schlange glaubt, sie müsse Shamash zufrieden stellen und geht daher nicht auf den Vorschlag des Adlers ein. An dieser Stelle gibt es eine Ungereimtheit. Ist sie wirklich zur Rache verpflichtet, weil sie Shamash um Hilfe gebeten hat und er für sie einen Plan bereit hatte? Sie hat keinen Vertrag mit ihm geschlossen, wie sie es anfangs mit dem Adler getan hatte.
Die Schlange erweist sich als Persönlichkeit mit Charakter. Sie ist nicht nur eine gute Mutter, vertrauensvoll, hilfsbereit und fleißig, sondern loyal aber unkorrumpierbar. Dennoch hat auch ihre Geduld Grenzen, deshalb ist sie dem Adler gegenüber ohne Gnade und stellt Gerechtigkeit her. Sie tötet allerdings nicht nach dem semitischen Auge-um-Auge-Prinzip, sondern löst das Problem matrifokal sportlich: Sie wirft ihn in eine Grube, von der sie wohl weiß, dass er daraus gerettet werden kann. Sie bleibt, was sie war: Ein durch und durch friedliches Wesen. Anders als in der Bibel, wo der gute Ruf der Schlange schon auf den ersten Seiten für alle Zeiten beschädigt wird, wird sie im Etana-Mythos (noch) positiv dargestellt. In matrifokaler Zeit war die Schlange noch ein heiliges Tier. Zu verdanken hatte sie das ihrer Biologie. Die Häutung stand für Sterben und Wiedergeburt, unterstützt durch ihre Ähnlichkeit mit einer Spirale, die das gleiche Prinzip symbolisierte. Einleuchtend, dass sie in patriarchaler Zeit dämonisiert wurde.

Die "Ehegabe" war eine Art Kaufpreis, den im frühen Patriarchat noch der Ehemann aufzubringen hatte, und für dessen Gegenwert die Braut ihre Fruchtbarkeit einzubringen hatte. Die Höhe konnte der Bräutigam festlegen, ob das Geschäft zustande kam, blieb jedoch der Familie der Braut überlassen. Im Falle seines Todes hätte der Erlös aus dieser Summe aber ihren Unterhalt gesichert. Im Text bietet der Adler der Schlange also die Ehe an, deren Vollzug im Eindringen in den Wildstier symbolisch vorweggenommen sein könnte. Dies ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Schlange frei Verkehr haben konnte, also noch die Kontrolle über ihre Sexualität hatte, eine matrifokale Selbstverständlichkeit. Immerhin hat sie bereits Kinder, deren Vater aber ist unbekannt. Lebt er mit der Schlange in wilder Ehe, ist er schon tot? Hat sich die Schlange parthenogenetisch fortgepflanzt? Der Vater ist unbekannt, weil er in matrifokalen Gemeinschaften keine Bedeutung hat. In der Urfassung wird die Schlange die Ehe grundsätzlich ablehnt haben. Aber was ist mit der Frau des Adlers? Sie ist noch unwichtiger als Etanas Ehefrau, die dient gerade noch als Gefäß für Etanas dynastische Planung. Hat der Adler mit einem anderen Männchen die Adlerkinder gezeugt, so wie der Gott des Alten Testamentes es mit dem Adam tat? An dieser Stelle wird jedenfalls deutlich, dass die Schlange die alte matrifokale Lebensweise verkörpert, der Adler die neue patriarchale Gesellschaft.

Szene 3: Etana will Ishtar das Gebärkraut entreißen

Shamash erweist sich wahrlich nicht als würdig, von der Schlange verehrt zu werden. Der Richtergott ist nur Anwalt in eigener Sache. Er, der zunächst vorgibt, erbost zu sein, lässt sich vom heuchlerischen Adler überreden. Nicht aus Gnade, wir erfahren bald, warum: Shamash kann den Adler noch gebrauchen. Er soll Etana bei einer schwierigen Aufgabe helfen:

Neuassyrisch:

"Wir durchschritten den Toreingang Anus, Enlils und Eas, und gemeinsam warfen wir uns nieder, ich und du. Wir durchschritten den Toreingang Sins, Shamashs, Adads und Ishtars, und gemeinsam warfen wir uns nieder, ich und du. Ich sah ein Haus, öffnete sein Siegel, stieß ihre Tür auf und trat ein. Drinnen saß eine junge Frau, mit reiner Krone geschmückt und schön an Angesicht. Ein Thron war dort aufgestellt und eine Göttin aufgerichtet. Unterhalb des Throns lagerten Löwen.. Ich stand auf, da sprangen die Löwen mich an! 'Ich wachte auf und erschrak ...' Der Adler sprach zu ihm, zu Etana: 'Mein Freund, dein Traum ist offensichtlich!' (...) Nachdem sie zum Himmel des Anu aufgestiegen waren, schritten sie durch das Tor des Anu, Enlil und Ea und gemeinsam warfen sich der Adler und Etana nieder. Sie schritten durch das Tor des Sin, Samas, Adad und der Ishtar, und gemeinsam warfen sich der Adler und Etana nieder. Er sah ein Haus, öffnete sein Siegel, stieß ihre Tür auf und trat ein." (aus: Quelle 1)

Etana träumt zunächst einen Traum, den er dem Adler erzählt. Der Adler schlägt Etana vor, den Traum in die Tat umzusetzen und so fliegen sie los, Etana auf dem Rücken des Adlers. Darauf folgt die berühmte Flugszene mit der Beschreibung der Welt aus der Vogelperspektive, in der Etana dreimal abgeworfen und wieder aufgefangen wird. In der altbabylonischen und mittelassyrischen Fassung erreicht Etana das Haus der Ishtar nicht und stürzt ab. Möglicherweise fehlt in der mittelassyrischen Fassung die Textpassage, denn das Ende ist beschädigt. Von der altbabylonischen Fassung fehlt möglicherweise eine Tafel.

Etana möchte (soll) bei Ishtar das Gebärkraut 1 "abholen". Leider erfahren wir nicht, ob er es schafft; die letzte intakte Textzeile lässt ihn zumindest bei Ishtar ankommen. Wir erfahren, dass er gewaltsam in ihr Haus eindringt. Er öffnet das Siegel, wozu er sicher nicht befugt ist und stößt die Türe auf. Metaphorisch gesehen stellt die Szene eine Vergewaltigung der Göttin dar. Vergleichbar der Heiligen Hochzeit muss sich der König mit der Göttin vereinigen, um die Macht zu erringen. Der erste König der Welt hat das Privileg, die Göttin persönlich heimzusuchen, alle weiteren nehmen mit ihrer Stellvertreterin vorlieb. (In der Literatur 2 gibt es auch den Übersetzungsvorschlag, Ishtar schaue aus dem Fenster, daher wird auch gemutmaßt, dass das Fenster ein Hinweis auf Tempelprostitution sei.) Doch wozu das Ganze? Warum händigt Ishtar das Gebärkraut nicht freiwillig aus, warum kommt sie ihm nicht entgegen, hat sie ihn doch als König eingesetzt? Hat sie etwa kein Interesse daran, dass Etana eine Dynastie gründet? Etanas Frau ist sicherlich nicht zufällig kinderlos. Warum ist die Dynastie ein so wichtiges Anliegen? Hat Ishtar Sorge, dass sie einen Diktator installiert? Die Sorge wäre nicht unberechtigt, wie die uns die spätere Geschichte lehrt. Oder möchte sie sicherstellen, dass auch Frauen künftig die Chance auf den Thron haben? Etanas Dynastie wird nicht die einzige bleiben und mit Kubaba 3 wird in der zweiten Dynastie nach ihm eine Frau den Thron besteigen und große Bedeutung erlangen.

Zunächst jedoch wird Shamash, der Drahtzieher im Hintergrund, Ishtars Pläne durchkreuzen. Etana wird benutzt, um der Ishtar das Gebärkraut und damit die Macht abzunehmen. Sind wir hier Zeugen der Instrumentalisierung eines Menschen durch die Gottheit? Kommen wir in die Realität des Erzählers zurück, ist es andersherum: Die Geschichte dient der Rechtfertigung der geänderten Machtverhältnisse. In der älteren Fassung gilt die Tat noch als Frevel, daher stürzt Etana ab und erreicht sein Ziel nicht. Die jüngere Fassung vollendet den Plan. Der Sonnen- und Richtergott Shamash, fällt nicht nur der Schlange in den Rücken: Ishtar wird das Gebärkraut verlieren. Offenbar waren damals schon Recht haben und Recht bekommen zweierlei Dinge. Spinnen wir die Geschichte weiter, könnte der wenig vertrauenswürdige Shamash dem Etana das Kraut sogar abnehmen. Das wäre konsequent, aber politisch gesehen nicht notwendig. So wie die Geschichte endet, genügt sie dem Anspruch vollends: Die Intrige des Gottes rechtfertigt den männlichen Herrschaftsanspruch auf Erden.

[1] Das Gebärkraut könnte auf dem Amulett (oben im Bild) abgebildet sein.

[2] aus Quelle 1.

[3] Kubaba war die große Göttin der Hurriter und Stadtgöttin von Karkami¹.



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