Kategorie-Archiv: Frau

Die Busenwand – ein neuer Fall von Sexismus in der Archäologie

Jungsteinzeitlicher Wandfries zeigt eine matrilineare AhnenreiheWandfries aus

Bildquelle: Homepage SWR2

Als Sensation kann man die Präsentation des rekonstruierten Wandfrieses aus der Pfahlbaukultur vom Bodensee (Ludwigshafen-Seehalde), die bei der Großen Landesaustellung Baden-Württemberg 2016 in Bad Buchau und in Kloster Schussenried gezeigt werden wird, schon bezeichnen. Sie ist in ihrer monumentalen Größe ein bislang einzigartiger Fund. Der offizielle Arbeitstitel „Busenwand“ ist in Anbetracht der endlich stattfindenden Sexismus-Debatte allerdings sensationell ignorant.

Die „Busenwand“ hat es, wie könnte es anders sein, als „sensationelle Busenwand“ in die Schlagzeilen geschafft und sie ist der zur Ausstellung wegweisende Hashtag. Da sind tatsächlich auch Busen zu sehen, sie sind jedoch lediglich Elemente einer Wandinstallation mit mindestens 7 Frauengestalten, zwischen denen sich weitere Motive mit symbolischer Bedeutung befinden. „Welche Symbolik lässt sich denn dahinter vermuten, eine pornografische etwa?“, fragt Tobias Ignée vom SWR2-Radio (SWR2-Interview vom 20.1.2016, 12.33 Uhr). Wer regelmäßig archäologische Berichterstattung ließt, ist davon nicht überrascht, auch nicht vom „Riesenbusen“, der aufpoppt, wenn man das Interview auf der Homepage des SWR anhören will. Interessant ist aber die Antwort Dr. Helmut Schlichtherles, des Chefs der Unterwasserarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der die Ausstellung wissenschaftlich berät: „Also zunächst hat man gesagt, ja gut, also Fruchtbarkeitssymbolik vielleicht, es gibt ja auch das Diktum einer Großen Muttergöttin der Jungsteinzeit, das immer wieder durch die Literatur geistert. Und wir sind zunächst auch mit diesen ja sehr schwammigen Hypothesen angetreten und haben dann aber gesehen, hoppla, da ist ja nicht nur eine, da sind mindestens sieben, alle gleich groß, alle nebeneinander in einem Fries, und da sind ja Zwischenmotive. Und über die Zwischenmotive sind wir sehr viel schlauer geworden und unter anderem auch über die Köpfe der Frauengestalten. Die Köpfe sind sonnenförmig. Und mit den Zwischenmotiven können wir sagen, da sind Ahnenreihen dargestellt. Es sind auch Zeitgenossen dargestellt, also ganz kleine anthropomorphe Signets und es gibt also einen Zusammenhang zwischen Ahnenverehrung, Ahnenreihen und diesen großen Weiblichen gestalten.
Hoppla, dieser offiziellen Deutung des Fundes kann ja aus Sicht der Patriarchatsforschung im Großen und Ganzen zugestimmt werden! Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als den Nachweis von Matrilinearität, die seriöse Bezeichnung lautet damit Ahninnenwand. Sie ist der Beweis, dass diese Kultur, die Pfyner-Kultur (einer der Michelsberger Kultur zugeordneten Untergruppe), kein Patriarchat war. Die eigentliche Sensation ist also, dass die Matrilfokalität der Altsteinzeit sich nachweislich vielerorts bis in die späte Jungsteinzeit halten konnte. Vielerorts deshalb, weil derartige Brüste auch an anderen Stellen gefunden wurden, so auch in Mönchberg, Goldberg, Reute-Schorrenried, Heilbronn-Klingenberg und Remseck-Aldingen (Quelle: Literaturhinweis 2). Aber darüber erfahren wir nichts.
Es wird uns so wenig mitgeteilt, weil am Dogma des ewiges und allgegenwärtigen Patriarchats nicht gerüttelt werden darf. Genau darum geht es letztlich bei allen sexistischen Bemerkungen, die Archäologen immer wieder in der Öffentlichkeit äußern.
Diese Form des Sexismus dient nicht in erster Linie der Unterdrückung der Frau, sondern der Unterdrückung der Tatsache, dass die Frau in der Urgeschichte nicht unterdrückt war. Die Muttergöttin „geistert“ nicht umsonst durch die Literatur, ihre Präsenz ist eine direkte Folge der Matrilinearität, und sie ist selbst-verständlich im Gegensatz zur schwer verständlichen Vatergott-Theologie. Als Maria, Fatima, Heiliger Geist, Kali etc. hält sie sich bis in die Gegenwart, weil die Menschheit nun einmal matrifokal ist. Ihre Natur aber wird vom Patriarchat unterdrückt.
Welche Bedeutung steht denn hinter diesem Zusammenhang, haben Sie da irgendwie den Code schon geknackt?“, fragt Tobias Ignée nach. „Es lässt sich auf etwa zeitgleichen Keramikgefäßen sehen, dass die Ahnenreihen zu diesen großen Frauen mit ihren sonnenförmigen Köpfen hinführen, so eine Mischung aus Ahnengestalt mit göttlichen, kosmischen Bezügen“, antwortet Schlichtherle darauf. Und da ist sie doch schon wieder, die Göttin, man wird niemals drum rum kommen. Tobias Ignée reagiert beinahe sprachlos: „Und das alles auf 7 Meter?“ „Ja,“, antwortet Schlichtherle, „und das auf 7 Meter, mindestens sieben mal, sich wiederholend aber in Details unterschiedlich, auch das ist dann sehr interessant. Man kann also sehen, dass die einzelnen Individuen, also diese großen Frauen, dass man die auch unterscheiden wollte, die hatten sicher auch ihre eigenen Namen und auch ihren eigenen kleinen Mythos.

Schlichtherle erklärt hier unbeabsichtigt die Wurzeln der Religion. Das Wort „religio“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Rückbindung“. Wer die Bibel ließt, wird darin tatsächlich viele Rückbindungen finden, und zwar Rückbindungen an patrilineare Ahnen. Wir lesen beispielsweise in Matthäus, Kapitel 1 eine schier endlose Aufzählung vermeintlicher, männlicher Ahnen Jesu. Sie mag unwichtig erscheinen, ist aber von elementarer Bedeutung für die Kirchenväter:

1 Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. 2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. 5 Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. 6 Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. 8 Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. 9 Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. 12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. 13 Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. 14 Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus 17 Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
(Quelle: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/1/)

Josef war nicht der leibliche Vater Jesu, das wird im Neuen Testament deutlich. Jesus führt sich stattdessen auf die kurze, uneheliche weibliche Ahnenreihe Anna und Maria zurück. Das ärgert die Patriarchen natürlich. Die Matrilinie muss überschrieben werden. So ermüdend sich die männliche Ahnenreihe Jesu nun auch liest, sie ist der Kern der biblischen Aussage: Es gibt keine Urmutter, die weibliche Ahnenreihe ist bedeutungslos.

Seit den Anfängen und bis heute sind sehr viele Archäologen zugleich auch Theologen oder haben einen mehr oder weniger engen Bezug zur Kirche. Sie versuchen auch, die Bibel anhand ihrer Funde zu beweisen, hat doch die Evolutionslehre und jüngst auch die Anthropologie an ihren Grundfesten gerüttelt. Und so ist ihnen jedes Mittel Recht. Sexismus ist ein Weg, unliebsame Meinungen loszuwerden.
Ein besonders prominentes Beispiel ist die Urmutter vom Hohle Fels, offziell „Venus vom Hohle Fels“, die älteste Figurine der Menschheit (ca. 35.000 bis 40.000 Jahre alt). Sie wurde als „nach heutigen Maßstäben an Pornografie grenzend“ besprochen, „das Stück“ sei „aufgeladen mit sexueller Energie“, einem „Brathähnchen ähnlich“. Sie wurde als „Henny“, als „schwäbische Eva“ oder „Frau Fröhlich“ bezeichnet, ihre Höhle sei „wohl ein heißer Sexunterschlupf“ gewesen. Dazu habe ich mich bereits auf meiner Homepage gabriele-uhlmann.de ausführlich geäußert.

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Urmutter vom Hohle Fels, Elfenbein, Höhe 6 cm

Der Begriff „Venus“ für altsteinzeitliche Frauendarstellungen war damals schon ironisch gemeint. Man fand die Figurinen hässlich, eine Frau hatte aber hübsch zu sein. Der Venus-Begriff ist also sexistisch, und dies hat einen noch triftigeren Hintergrund. Die Verortung der Figurine irgendwo im römischen Polytheismus als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Venus macht sie zu einer von Vielen, zu einer Unbedeutenden, jedenfalls nicht zu dem, was sie ist, einer Urmutter einer matrifokalen Sippe.

Archäologen haben nicht nur Schwierigkeiten im Umgang mit der Würde der Frau, sondern auch im Umgang mit ihrer Nacktheit. Schlichtherle antwortet in dem Radio-Interview auf die Frage „Wie bekam denn dann die Arbeitshypothese den Arbeitstitel ‚Busenwand‘?“: „Ja, das war naheliegend. Die Brüste sind auch jetzt und waren sicher auch in der Jungsteinzeit das herausragende, das besondere Merkmal dieser Wand. Alles andere ist in Flachmalereien mit weißer Farbe aufgemalt, da sind also auch Gestalten, dann Konturlinien, Arme und Hände, aber die Brüste sind plastisch. Die haben was Haptisches, und wenn man in diesen Raum reingekommen ist, wenn man ins Dämmerlicht des Hauses trat, dann strahlten die sicher mit ihrer weißen Punktbemalung aus dieser Wand heraus und waren das auffällige Merkmal.“ Sicherlich gilt diese Behauptung für den Fall, dass moderne Männer den Raum betreten. Aber der Raum war von Frauen für Frauen gemacht, aber auch für Männer, die sich ebenfalls nur über ihre Mütter definierten, und für die die Nacktheit von Frauen keine Aufforderung zu sexuellen Handlungen war. Die Frauen der Naturvölker tragen ihre Brüste immer noch nackt und ihr Anblick ist so selbstverständlich wie der Anblick eines Männeroberkörpers. In Matrilinearität, und damit auch Matrifokalität, leben die Männer mit ihren Schwestern zusammen. Die natürliche, chemotaktische Inzestschranke verhindert sexuelle Beziehungen zwischen ihnen. Jungen wie Mädchen werden bis ins 6. Lebensjahr gestillt und sind daher daran gewöhnt, die Brust als Quelle von Milch und Geborgenheit wahrzunehmen. Dafür stehen sicherlich auch die weißen Punkte der Wandinstallation, die übrigens nicht nur auf den Brüsten, sondern über den gesamten Frauenkörpern verteilt sind.
Die Brüste haben natürlich aus der Sicht von Kleinkindern „etwas Haptisches“, aber eben auch aus der Sicht von Busengrabschern. Ich will damit niemandem etwas unterstellen. Die Sexismus-Debatte hat jedoch deutlich gemacht, dass der Blick auf den weiblichen Körper in unseren Gesellschaften provoziert, weil die Frau im Patriarchat als Objekt gilt. Diese „Objektivierung“ wird in der Debatte allerdings nicht auseinandergenommen. Statt echter Aufklärung mit dem Wissen der Patriarchatsforschung werden Erziehung und strafende Gesetze als Gegenmittel gefordert. Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, nachhaltig kann das nicht sein, aber man begibt sich damit wenigstens nicht in den gefürchteten Biologismus-Verdacht.

Die Frau als Objekt ist – das könnten wir schon heute auf interdisziplinärer Basis in den Schulen lehren, aber noch nicht lernen – das Ergebnis eines Irrtums, der den ersten Viehzüchternomaden der Steppe passierte, der Irrtum, dass die Frau nur das Gefäß des männlichen Samens sei. Dieser Irrtum verbreitete sich mit den ersten Kriegen über Europa und über die Welt. Der Same gehört seitdem in die Metaphorik der Ackerfurche und des Pflugs, der seit der späten Jungsteinzeit von Männern geführt wurde. Biologisch völlig falsch ist dieser Begriff, handelt es sich beim Sperma doch in Wahrheit nur um Pollen. Der Mann schwang sich damit aber zum Schöpfer auf, er begann die Natur nach seinem Willen zu formen: er züchtete Tiere (und später auch Pflanzen) und forderte eine „züchtige“ Frau. In diesem viehnomadischen Weltbild müssen Frauen, die ihre female choice leben und damit Matrilinearität herstellen können, „gebranntmarkt“ und „gezüchtigt“ werden. Das ist das Wesen des Sexismus.

tannenbaum-signet

Ausschnitt aus dem Wandfries, „Tannenbaum“. Gestapelte Beine in Gebärhaltung und Töchter.

Was die Bedeutung des Wandfrieses angeht, so wäre die Deutung der Signets für das Publikum von Interesse (gewesen), dass die „Tannenbäume“ ebenfalls in den Kontext der Matrilinearität gehören. Es handelt sich um übereinander gestapelte Beine in Gebärhaltung. Sie entsprechen den Matrioschka-Puppen, die wir aus Russland kennen. Es handelt sich demnach um den, im besten Sinne des Wortes, „Stammbaum“ der Sippe, wenn auch Sippen keine Stämme bilden. Die kleinen Figuren unterhalb der Frauen dürften für die Zahl ihrer Töchter stehen. Wir haben es damit tatsächlich mit einer Bilderschrift zu tun, die uns die Geschichte der Sippe mit 7 zeitgleichen Müttern, Schwestern, erzählt. Die Sonnensymbolik fügt sich darin ein. Die Sonne mit ihren Auf- und Untergängen, steht für Leben, Sterben und Regeneration im Bauch von Mutter Erde. Die Sonne war in der matrifokalen Frühgeschichte weiblich. Bei uns ist sie dies bis heute, im Gegensatz zum östlichen Kulturkreis, dessen Religionen von Patriarchen in Europa gewaltsam verbreitet wurden.

Quellen

Soweit nicht anders angegeben, stammen sämtliche Zitate dieses Artikels aus dem Radio-Interview des SWR2 von Tobias Ignée mit Dr. Helmut Schlichtherle vom 20.1. 2016 um 12.33 Uhr

Weiterführende Literatur:

  1. Armbruster, Kirsten: Gott die MUTTER: Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus. Norderstedt 2013 http://www.amazon.de/dp/3732231186
  2. Schlichtherle, Helmut: Ein gynäkomorphes Wandrelief vom Mönchberg bei Stuttgart-Untertürkheim. In: Dobiat, Claus; Leidorf, Klaus: Tradition und Innovation. Prähistorische Archäologie als historische Wissenschaft. Festschrift für Christian Strahm. S. 119-127. Rahden/Westf. 1997
  3. Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205
  4. Uhlmann, Gabriele: Der Gott im 9. Monat. Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt. Norderstedt 2015 http://www.amazon.de/dp/3738639012

female choice – unser Menschenrecht

Buschleute San

Inhaltsangabe. Ganzer Artikel zum Download (PDF). Es ist die Frau, die wählt. Diese sog. female choice ist das oberste Naturgesetz der Evolution. Sie ist auch das Erfolgsgeheimnis der menschlichen Evolution, unseres Menschseins, denn sie bedingte die Zusammenarbeit beider Geschlechter in der Sippe, in der die Mütter und Kinder stets im Zentrum der Fürsorge standen. Die female choice als Basis dieser Kooperation kommt daher nicht der Frau allein zugute, sondern allen Menschen. Sie ist nicht nur ein Frauenrecht, sondern ein echtes Menschenrecht, und die Männer täten auch im eigenen Interesse gut daran, sie zu achten. Die Unterdrückung der female choice macht das Patriarchat und seine Folgen erst möglich. Die Erforschung des Patriarchats ist in diesem Sinne Ursachenforschung. Sie liefert die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet der Mensch, der für sich in Anspruch nehmen kann, eine besonders intelligente und soziale Tierart zu sein, Kriege führt, und sich mit psychischen Problemen, Zivilisationskrankheiten und Epidemien herumschlagen muss. Diese Probleme betreffen andere Arten auch nur dann, wenn der Mensch sie aus ihrem artgerechten Leben reißt. Auch keine andere Tierart neigt zu Überbevölkerung oder hat Umweltprobleme ausgelöst, die es in seiner Existenz bedrohen. Die Überbevölkerung ist die unmittelbarste Folge der Unterdrückung der female choice und erst in zweiter Linie mit einigem Abstand Folge der landwirtschaftlichen Überproduktion. Letztere war wiederum nur wegen der steigenden Bevölkerungszahlen möglich geworden. Sämtliche menschengemachte Probleme, mit denen die Weltgemeinschaft heute zu kämpfen hat, sind daher ursächlich mit der Unterdrückung der female choice bzw. dem Patriarchat in Verbindung zu bringen. Im folgenden Artikel erläutere ich diese Feststellung anhand der vielen Funktionen und unterschiedlichen Formen der female choice, unserem Menschenrecht, von dem nur Wenige wissen.

Ganzer Artikel zum Download (PDF).

Mein Kommentar zu einem Biologismus-Vorwurf in einem Blog:

Wie wollen wir einem Erdogan (Quelle) entgegentreten, der die Gleichberechtigung für unnatürlich hält? Oder den Maskulisten, die das auch behaupten?
Wenn wir ihnen mit nichts weiter als Gender und Feminismus entgegentreten, also ideologischen Konzepten, dann haben wir in Wahrheit NICHTS und nochmal NICHTS entgegenzusetzen! Dann steht Aussage gegen Aussage. Ideologie gegen Ideologie. Dann gibt es den Krieg, den wir jetzt haben.

Mir kommt es darauf an, das anthropologische Wissen zu verbreiten, dass GLEICHBERECHTIGUNG DURCH UND DURCH BIOLOGIE IST. Die female choice sorgt auf natürliche Weise dafür. Die Natur ist nicht biologistisch und sie benachteiligt weder Frauen noch Männer. Das Pfund mit dem wir also wuchern können, unser selbstbewusstes Frau- und Muttersein, verunglimpfen die Gendermainstreamer als biologistisch und machen sich damit genaugenommen Erdogan gleich.
Wenn Gleichberechtigung nur eine kulturelle Errungenschaft wäre, dann bestünde keinerlei Hoffnung, dass wir jemals weltweit zu ihr zurückfinden. Denn Kultur wird im Patriarchat immer über die Natur gestellt, und nur daraus bezieht das Patriarchat seine Energie. Es zieht seine Energie aus der Unterdrückung der female choice.

Die HEILIGE HOCHZEIT der babylonischen Zeit ist dafür DAS Symbol schlechthin. Es geht in diesem Ritual um die Aneignung sog. weiblicher Macht (vermeintlicher Macht, denn Patriarchen können nur in dieser Kategorie denken) mit dem Mittel der Unterdrückung der female choice, dies öffentlich im Staatsritual mit einer Vergewaltigung zur Schau gestellt. Das Ritual finden wir heute verweltlicht in der Prostitution, in den Kriegsvergewaltigungen, in sexuellem Missbrauch etc.. „Sperma Care“ ist in diesem Sinne nichts weiter als das Dafür-Sorge-Tragen, dass der Mann weiterhin die Oberhand behält.
In meinem Buch „Der Gott im 9. Monat“ http://www.amazon.de/dp/3738639012 habe ich beschrieben, dass es dem Patriarchen darum geht, sich die Natur der Frau einzuverleiben, um die Allmacht zu erringen, die Unsterblichkeit, die Macht über Leben und Tod. Das versucht er nicht nur mit Unterdrückung zu erreichen, sondern auch damit, dass er der Frau das Frau- und Muttersein madig macht. Was uns keine Freude mehr bereitet, kann der Patriarch ergreifen und seine Willkür darüber ausüben. Begreifen wir doch endlich wie KOSTBAR unsere Fähigkeiten sind, so kostbar, dass die Patriarchen in ihrem Gebärneid sie uns wegnehmen wollen! Und ziehen wir uns nicht selbst gegenseitig herunter in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Patriarchat.
Erdogan will uns auf die Mutterrolle zurückwerfen, schreibt der SPIEGEL. Das ist Gender-Soziologen-Vokabular, aber Muttersein IST KEINE ROLLE. Diesem Irrtum sind doch auch Erdogan und seine patriarchalen Ahnen schon erlegen, nur drückt er es weniger intellektuell aus. Mütter spielen buchstäblich weder im Patriarchat noch sonst wo eine Rolle. Wir befinden uns aber sprichwörtlich im falschen Film. Das habe ich in meinem Text ausgeführt. „Rolle“ ist ein moderner Begriff für „Gefäß“, dieses Wort wurde einst dafür benutzt. Aber eine Mutter ist kein Gefäß, in das ein Embryo vom Mann hineingepflanzt wird, kein Gefäß, das nach der Geburt leer ist und weggeworfen werden kann…kein Anhängsel, das nach der Geburt das Kind dem Patriarchen schenkt, überlässt, aushändigt, ausliefert.
Ein Topf wird nach dem Kochen abgewaschen und in den Schrank gestellt, ein Topf wird BENUTZT, so wie ein Schauspieler eine Rolle „spielt“, weil es anderen gefällt.

MutterSEIN in der matrifokalen Sippe, also unter Wahrung der female choice, bedeutet in erster Linie Glück und Selbstbestimmung. Dieses Glück vererbt sich direkt und epigenetisch auf die Kinder. Matrifokalität bringt keine frustrierten jungen Männer hervor, die Bomben werfen, oder unglückliche Frauen, die sich prostituieren müssen. Keine Frau MUSS unter Matrifokalität Mutter werden, keine Lesbe, kein Schwuler wird diskriminiert, sondern sie werden aufgefangen und in der Sippe geliebt und gebraucht. Welcher Mann sich darum reißt, mit Kindern leben zu wollen, wird nicht als Väterrechtler per Gericht einer Mutter die Kinder wegnehmen können, sondern findet in der Sippe ausreichend Betätigungsfelder, die ihn keinen Cent kosten. Ebenso ist sexueller Frustration vorgebeugt, weil niemand ein Treuegelöbnis leisten muss. Treue findet in der Sippe statt, auf natürliche Weise, durch verwandtschaftliche Bindung, durch sich gegenseitiges Versorgen. Die Sexualität ist davon völlig getrennt und braucht keine Treue. Frauen und Kinder sind in der Sippe vor Übergriffen geschützt, weil keine Ideologie Tätern Rückhalt gibt, und weil die Sippenmitglieder füreinander Verantwortung empfinden.

Schon heute leben sog. alleinerziehende Mütter vor, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, nicht von einem Mann abhängig zu sein. Sie erleben den Rückhalt ihrer Mütter und Schwestern, sind also gar nicht allein, und werden es nie wieder sein. Reich wird frau so vielleicht nicht, aber zufrieden. Wenn nur die nächste Generation es genauso macht, sind wir auf einem guten Weg.

Anmerkungen zu den “Reflexionen zur Fruchtbarkeits-Symbolik und zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Sexualverhaltens“ von Gerhard Bott

(Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich mit einem Text der auf
http://www.gerhardbott.de/ bzw. als PDF erschienen ist.)

Ein „echter Bott“ ist auch dieser Text, der sich mit der Sexualität des Menschen von den Anfängen bis tief hinein in die Patriarchalisierung befasst. In juristischer Klarheit und Sprache rollt Gerhard Bott einige Gedanken aus seinem 2009 erschienenen, für die Patriarchatsforschung äußerst wichtigen Buch „Die Erfindung der Götter“ neu auf, die noch nicht ausreichend ausgeführt waren. Insbesondere die female choice brachte er in seinem Buch zwar aufs Tapet, sie rückte aber sogleich wieder in den Hintergrund, lag sein Hauptaugenmerk doch eher auf den wirtschaftlichen Bedingungen als Basis der Patrilinearität und Patrilokalität der Rindernomaden. Als erste Leserin des fertigen Manuskriptes von „Die Erfindung der Götter“ motivierte ich Gerhard Bott einst, das Manuskript auch als Buch zu veröffentlichen. In dem von mir verfassten Buch „Archäologie und Macht“ von 2012 befasste ich mich insbesondere mit der female choice, die ich als „freie Wahl der Frau von Partner, Ort und Zeit des Geschlechtsverkehrs“ definierte, und die mich schon seit meinen frühen Forschungsjahren beschäftigte. Insofern war ich gespannt, wie Bott meine Einwände und Hinweise nun verarbeitet hat.
Besonders gefallen haben mir die Unterüberschriften „Der Phallus als Sexualorgan und gefälliger Diener der Vulva“, „Der Phallus als Fruchtbarkeitssymbol und Samenspender“, „Der Phallus als Herr der Vulva“, die allein schon ausdrücken, wie die keineswegs einfache oder plötzliche Überhöhung des Mannes schrittweise inszeniert wurde. Insofern ist dieser neue Text ein Gewinn für die Patriarchatsforschung.
Leider vernachlässigt Bott aber die jüngeren Publikationen, die wichtige Details, auf denen er seine Argumentation aufbaut, als veraltet erscheinen lassen. Bedauerlich ist, dass er das Buch „Mütter und andere“ der amerikanischen Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy (auf dem deutschen Markt seit 2010) und die Arbeiten des Londoner Primaten-Forschers und Anthropologen Volker Sommer ignoriert. Leider erliegt er daher einigen Fallstricken, die die von ihm so treffend benannte „Urvater-Gemeinde“ ausgelegt hatte, und bleibt in manchen patriarchalen Vorurteilen und in patriarchaler Sprache verhaftet. Insofern ist der nun von ihm vorgelegte Text eine echte Enttäuschung.

Bott schreibt zu Beginn: „Sexualität als Notdurft. Jedes Tier ist ein Sexualwesen, aber es nimmt sich selbst nicht in seiner Sexualität wahr“ (S. 2), und baut die weitere Argumentation darauf auf. Allerdings, auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung steht die Zoologie noch ganz am Anfang. Worüber wir praktisch nichts wissen, ist die Frage, inwieweit Intelligenz mit Bewusstsein identisch sind. Intelligenz ist bei weitem nicht auf Primaten beschränkt. Neue Hinweise auf technische Intelligenz bei Tieren liefern ausgerechnet Vogelarten wie die Rabenvögel. Auch ihr ausgeprägtes Sozialverhalten spricht für eine sehr frühe evolutionäre Entwicklung von sozialer Intelligenz, die über Brutpflege hinausgeht. Auch Liebe ist bei Tieren nachweisbar, sogar artfremde Tiere entwickeln füreinander freundschaftliche bzw. liebevolle Gefühle. Muss sich das nicht auch zwangsläufig in der Sexualität offenbaren?
Wenn Sexualität eine reine Notdurft wäre, wäre jeder Sex eine Vergewaltigung, zumindest solange es keine eindeutige Brunftzeit gibt. Aber um den überlebenswichtigen Frieden zu wahren, bedarf es der Einvernehmlichkeit, das möchte Bott doch sicherlich nicht bestreiten. Die klare Trennung von Liebe und Geschlechtsverkehr braucht er jedoch für seine Beweisführung.

„Die Erotik“ soll seiner Meinung nach erst eine Erfindung der Menschenfrauen sein. Dass er keine allgemeingültige Definition für diese Erotik liefern kann, liegt an der Komplexität des Themas, das sich einer juristischen Prüfung entzieht, und für das es so viele Erklärungen wie Menschen gibt. Woher will er also wissen, dass Gorillas oder Bonobos, Tiere generell keine Erotik kennen, Sexualität also reine Notdurft ist? Ist ein balzendes Männchen nicht für das Weibchen erotisch? Löst nicht die Erotik des Weibchens die Balz aus, weil das Männchen sie wahrnehmen kann? So muss ich bezweifeln, dass die Erotik, was auch immer er vielleicht darunter versteht, Frauen erfunden wurde. Leider macht Bott keinerlei Angaben darüber, wann genau dies geschehen sein soll, eine für ihn untypische Ungenauigkeit, die mich aufmerksam macht. Aus seinen Ausführungen entnehme ich aber, dass er den Zeitpunkt der Erfindung mit der Menschwerdung ansetzt.
Ich verstehe unter Erotik in erster Linie die Wahrnehmung sexueller Anziehungskraft in Verbindung mit einem unterschwelligen Versprechen von Geschlechtsverkehr. Dies ist beiden Geschlechtern möglich. Dass Männer nicht nur sexuelle Signale wahrnehmen können, sondern auch bewusst oder unbewusst selber aussenden, sollte ihm doch geläufig sein. Müssten die Männer seiner These zufolge nicht diese Erfindung gestohlen haben? Ich möchte verstehen, was genau Bott meint.

Da er von der tierischen Sexualität als Notdurft spricht, kann er mit Erotik nur entweder die durch sexuelle Handlungen bestimmte Paarbildung oder Paarbindung oder beides zusammen meinen. Da es zur Paarbildung, wie ihm ja angeblich die Tiere beweisen, keinerlei Erotik bedarf, verbleibt nur die Paarbindung. Wie er schon im Buch richtig erkannt hat, ist die Monogamie beim Menschen ein patriarchaler Mythos. Seine Zeitangabe zur Dauer der natürlichen Paarbindung ist aber so ungenau wie falsch. Die Verliebtheit dauert natürlicherweise, darüber sind sich  VerhaltensforscherInnen und die Allgemeinheit einig, höchstens 3 Monate und nicht, wie von ihm postuliert, bis zu mehreren Jahren für einen unwahrscheinlichen Fall, dass die (von ihm nicht näher erläuterte) Erotik aufrecht erhalten werden kann. Seltene Ausnahmen bestätigen vielleicht die Regel. Der Zeitraum entspricht der kurzen Phase, in der eine Schwangerschaft noch nicht offensichtlich ist.
Ein dicker Bauch macht eine Frau unattraktiv. In der Abhängigkeit des Patriarchat muss sie mittels Erotik den Partner in der Schwangerschaft und darüber hinaus an sich binden, oder ihn zu einer Prostituierten „schicken“, damit er sie und ihre Kinder weiterhin beschützt und ernährt. Diese besondere Erotik ist ein Verhalten, das Tierweibchen nicht nötig haben, und das in der Menschheitsgeschichte bis vor rund 7000 Jahren unbekannt war. In matrifokalen Kulturen sind Sexualität und die materielle Existenz nicht gekoppelt, wie Bott in „Die Erfindung der Götter“ bereits herausgearbeitet hatte. Sexuelle Liebe ist hier ein lustvolles Intermezzo, die gegenseitige Anziehungskraft folgt keiner langfristigen Notwendigkeit. Längere Beziehungen basieren auf Freundschaft, „gleicher Wellenlänge“, „Seelenverwandtschaft“. Die Paarbindung ist für die Aufzucht der Kinder nicht relevant, es sei denn, die Frau und der Mann leben in einer Robinson-Einsamkeit, wie sie in der patriarchalen Kleinfamilie gewissermaßen auch der Fall ist.

In Ausübung ihrer female choice sendet eine Frau bewusste Signale nur an denjenigen Mann aus, dem sie gefallen will. Unwillkürliche Signale, wie ihr Körperbau, werden von allen Männern wahrgenommen. Männer können theoretisch lernen, zu erkennen, welche Signale die Frau gezielt absendet. Im Patriarchat glaubt der Mann, den ersten Schritt zu tun und zu tun müssen, und übersieht ihre Absichten einfach. In Wahrheit kann er nur im zweiten Schritt auswählen, und auch nur aus der Gruppe der Frauen, die ihn interessant finden. An dieser Stelle setzt männliche Erotik an. Im Patriarchat hat sich der Mann eine in der Natur so nicht vorkommende „male choice“ verschafft, indem er die Frau wirtschaftlich dominiert (Geld macht sexy), um Hand beim Vater einer Frau, die ihm gefällt, anhält und schließlich auch seine Tochter verheiratet. In der Ehe muss die Frau ihre female choice endgültig unterdrücken, der Mann hingegen ist nur auf dem Papier sexuell unfrei. Frauen treten so in stärkere sexuelle Konkurrenz zueinander, was ihnen die Ausübung ihrer female choice noch weiter erschwert. Eine erotische Frau, d.h. eine ihre Weiblichkeit bewusst versprühende Frau, hat daher mehr Chancen. Bestimmtes weibliches Sexualverhalten, ein Teil der bekannten Erotik, ist daher erst im Patriarchat entstanden, herauspervertiert aus den altgedienten Möglichkeiten. Im Grunde ist der patriarchale Mann dabei, ein neues übersteigertes Erotikverhalten der Frau zu selektieren bzw. zu züchten, das er jedoch immer stärker unter Kontrolle bringen muss. Hiermit könnte, dies nur am Rande, die zunehmende Frauenfeindlichkeit auch erklärt werden.

Bott schreibt (S.7): „Dennoch ist zu bedenken, dass die Natur die Frauen mit einem äusserst starken Geschlechtstrieb ausgestattet hat. Wenn wir die Hodengrösse zugrunde legen, müssen wir ja für Männer, wie für Frauen ein Viertel der Sexualfrequenz der Bonobos annehmen, die viele Male täglich mit wechselnden Partnern kopulieren. Zu bedenken ist ferner: Die paläolithischen Sexualpartner waren jung, in den besten Jahren, denn die meisten starben mit 30 Jahren. Nach den naturwissenschaftlichen Befunden können wir für die paläolithischen Menschen das ganze Jahr hindurch zwei Kopulationen täglich als normal ansehen.“ Ich möchte zur Diskussion stellen, welchen evolutionären Sinn ein „äußerst starker Geschlechtstrieb“ der altsteinzeitlichen Frau haben sollte. Heute ist zwar zu beobachten, dass Frauen starke sexuelle Signale senden, aber „wenn es darauf ankommt“, ist das körperliche Begehren geringer als das des Mannes. Frauen wollen nicht immer, Männer dagegen schon eher. Aus evolutionärer Warte muss der Mann so sein, denn die Frau verbirgt ihren Eisprung und ist nur in einem kleinen Zeitfenster pro Monat fruchtbar. Wäre auch der Mann seltener bereit, käme es zu selten zum Geschlechtsverkehr, um die Population aufrechtzuerhalten. Die Fruchtbarkeit müsste dann wie bei den Hirschen zur Brunft synchronisiert werden. Bott schreibt außerdem (S. 7): „Die relative Hodengrösse des Mannes liefert uns den naturwissenschaftlichen Beweis dafür, dass er infolge des starken weiblichen Begehrens genetisch unter einem sehr viel stärkeren Bewährungsdruck stand, als der relativ träge Gorilla mit seinen sieben ‚Haremsdamen’.“ Die Hodengröße als Maß für die Sexualfrequenz ist keine Beweisführung, sondern lediglich eine These, die m.E. „phallo-orchischen“ Männerphantasien entstammt. Aus der medizinischen Forschung wissen wir längst, dass die Größe der Hoden nicht mit der Qualität des Spermas korreliert, die sich aus Menge des Ejakulats, der Zahl der Spermien und ihrer Vitalität zusammensetzt. (Genauso liefern große Brüste dem Baby nicht mehr Milch. Auch eine Frau mit sehr kleinen Brüsten kann ihr Kind voll stillen.) An der Befriedigung der Frau hat das Ejakulat letztlich keinerlei Anteil. Eine Erektion ist auch bei entleertem Hoden möglich, wenn die sog. Refraktärzeit beendet ist, die unterschiedlich lange andauert. Weibliche Sexualität ist auch nicht auf Penetration fixiert, somit spielt die Beschaffenheit des männlichen Sexualorgans nicht die Rolle, die sich Männer einbilden. Da Bott den Tieren die Erotik abspricht, muss er für den Gorilla eine gewaltsame Bindung der Weibchen an den Silberrücken postulieren. Aber auch hier irrt er, wie schon die Urvater-Gemeinde vor ihm, denn die Gorilla-Weibchen verlassen nicht selten die Gruppe für immer und wandern zu einem anderen Männchen ab, wie Volker Sommer es gezeigt hat. Daneben gehen Gorilla-Weibchen bei Gelegenheit auch fremd, so dass insgesamt von Zwangs-Monogamie und Monopolstellung des Silberrückens keine Rede sein kann. Wie soll ein Gorilla auch gleichzeitig mehrere Weibchen in Schach halten? Es scheint vielmehr so zu sein, dass sich mehrere Gorilla-Weibchen ein Männchen teilen, und zwar freiwillig. Auch hier wirkt die female choice, die Bott leider nicht, wie auch die „Urvater-Gemeinde“ als universelles Naturgesetz erkennt.

„Das sexuelle Wahlrecht der sapiens-Frau“ reduziert Bott in der Überschrift auf Seite 5 auf die vermeintliche Erotisierung. Dass er die female choice als eine mächtige, evolutionäre Größe nicht vollständig verstanden hat, beweist insbesondere dieser pseudowissenschaftliche Absatz: „Die sapiens-Frau, die ja ein Wissen um ihre Sexualität gewonnen hat, folgt ihrem Geschlechtstrieb nichtmehr geist- , gedanken-, phantasie- und scham-los,sondern erfährt und erlebt an sich selbst eine Differenzierung ihres Begehrens und ihrer Empfindungen. Sie ist damit gewillt und fähig, ihren Geschlechtstrieb in der Weise zu kultivieren, dass sie Erotik “ ins Spiel bringt „. Das sexuelle Verhalten wird dadurch wesentlich von Erotik mit bestimmt. Die Frau entwickelt Vorliebenfür bestimmte Männer oder, zeitlich begrenzt,für einen bestimmten Mann, wobei neben den animalischen Instinkten, wie Geruch, die Attraktion durch Pheromone (Ektohormone) u.ä., subtile erotische Attraktionen ihre Wahl immer stärker bestimmen.“ (S. 6) Der Prozess, den Bott hier beschreibt, ist ja nichts anderes als das Bewusstwerden der female choice, die zuvor auch unreflektiert über hormonelle Steuerungen funktionierte. Aber dies sprach er den Gorilla-Weibchen ja bereits ab. Neue Forschungen haben ergeben, dass das sog. sexuelle „Beuteschema“ genetisch bedingt ist, und Frauen sich Männer aussuchen, die einen ähnlichen Gesichtschnitt und ähnliche Chemie bzw. „Ausdünstungen“ aufweisen, dies über alle gesellschaftlichen Zwänge. Natürlich muss ein triftiger Grund vorliegen, dass eine Frau anfängt, in ihre female choice bewusst einzugreifen. Da die Natur dafür keinerlei Anlass liefert, muss ihr neues Verhalten gesellschaftliche Ursachen haben. Dass gerade Bott das Patriarchat mit seinen „subtilen erotischen Signalen“, wie dem Geld, als den entscheidenden Faktor bei der modernen Partnerwahl übersieht, und dieses Verhalten in die Altsteinzeit verlegt, ist geradezu ärgerlich.

Meldungen über Gewalt in der Frühgeschichte gierig verschlungen und daran beinahe erstickt


In letzter Zeit sind gehäuft Schlagzeilen zu lesen, wonach bisher als friedlich eingeschätzte Kulturen doch äußerst gewalttätig gewesen seien. Für die Quote sind Mord und Totschlag natürlich immer gut und auch die Archäologie profitiert davon. Das geht leider aber auf Kosten Anderer und auf Kosten des Erkenntnisgewinns. Aber ist das wirklich nur Sensationspresse? Hanebüchen waren schon die Schlussfolgerungen, die aus den zweifelhaften Untersuchungen an Skeletten aus der Bandkeramischen Kultur (Jungsteinzeit Mitteleuropas) gezogen wurden. Der versuchte Rufmord an der Minoischen Kultur (Bronzezeit Kretas) war hier ebenfalls schon Thema. Jetzt steht auch die Indus-Kultur (= Harappa-Kultur, Bronzezeit Pakistan) im Fokus der vermeintlichen Sensationsarchäologie. Aus den Gräbern der Stadt Harappa wurden Schädel von 18 Männern und Frauen untersucht, von denen die Hälfte unverheilte Verletzungen aufwiesen.

„Ein friedvolles Reich? Trauma und soziale Differenzierung in Harappa“ lautete übersetzt der Titel des englischen Original-Berichts. Daraus kreierte das Magazin „National Geographic“ den Titel „Überraschende Entdeckungen aus der Indus Zivilisation“ und den Untertitel „Archäologen sagen, dass die Indus-Kultur nicht annähernd so friedlich war, wie allgemein gedacht.“
Aber der kriegerische Gesamteindruck trügt und wurde mit der gleichen Methode erzeugt, die schon an der Bandkeramischen und Minoischen Kultur geprobt wurde: Nur beiläufig wird erwähnt, dass die Befunde aus der Endzeit der Kultur stammen. Die Zahl der untersuchten Individuen ist zudem zu gering, um eine generelle Aussage zu treffen. Weiterlesen

2013: Allen Unkenrufen zum Trotz – Archäologie entdeckt, dass der Mensch vom Wasser abhängt


Ohne Wasser verdurstet alles Leben. Um an das erquickende Nass zu kommen, haben Pflanzen und Tiere die unterschiedlichsten Strategien entwickelt. Pflanzen saugen Wasser aus dem Boden und sammeln es als Regen oder Tau auf speziell geformten Blättern. Kleinen Tierarten reicht oft die Flüssigkeit, die sie mit dem Verzehr von Blättern und Früchten aufnehmen. Viele Tierarten trinken zusätzlich aus Süßwasservorkommen.
Wie der Name schon erahnen lässt, würden Säugetiere ohne die Fähigkeit zu trinken, nicht überleben. Sie saugen und trinken, lange bevor sie beginnen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, aus den Milchdrüsen ihrer Mutter. Auch erwachsene Säugetiere müssen trinken, und nur wenige Arten kommen mit der Flüssigkeit aus pflanzlicher Nahrung aus oder haben Strategien entwickelt, längere Durststrecken zu überstehen. Nicht so der Mensch, er muss täglich trinken. Folglich entfernten sich die Menschen der Steinzeit, die ihre Wasserversorgung ohne Gefäße, Brunnen oder Wasserleitungen organisieren mussten, nie weit vom Wasser. Aus dem Wasser bezog der Mensch auch einen großen Teil seiner Eiweißversorgung. Fischen und Muschelsammeln ist schon für die Altsteinzeit belegt. Das Bild vom Steinzeitmenschen, der in der staubigen Savanne auf die Jagd geht, und der in der Tundra allein von der Mammutjagd lebt, bekommt damit einen Kratzer, neue Entdeckungen aus diesem Jahr entlarven es als Fälschung.

Ach nach Quelle
Die Ach/Schwäbische Alb nahe ihrer Quelle

Alte und neue Funde (ich berichtete bereits) von technisch ausgereiften Angelhaken und Harpunen aus dem altsteinzeitlichen Zeitabschnitt des Magdalenien geben beredtes Zeugnis davon ab, wie viel geistige Energie auf die Vereinfachung und Optimierung der Nahrungsbeschaffung verwendet wurde. Den Speeren und Speerschleudern und den viel jüngeren Pfeilspitzen wurde aber seit jeher von der Forschung mehr Interesse entgegengebracht. Dies wundert nicht, verstehen sich viele Forscher doch eher als Nachkommen von Hirten denn von Fischern, und sind Speere, Pfeil und Bogen doch mit einer heroischen Ritterromantik verknüpft und taugen als männliche Identifikationsobjekte. Dass mit Speeren auch Fische gejagt werden können, wird nur kaum beachtet. Nur noch aus Felsbildern erschließbar sind Reusen, die aus Bast und biegsamen Zweigen hergestellt wurden. Sie sind lange verrottet und waren doch ein sehr effektives Werkzeug zum Fang von Fischen, Muscheln und Meeresfrüchten. Wie ein internationales Forscherteam gerade herausfand, diente die erste Keramik der Welt (Jomon-Kultur, 15.000 Jahre alt) dem Kochen von Fisch und nicht von Fleisch.

Die Lebensweise am Wasser fand seinen Widerhall in der Heiligung des Wassers, also in Quell-, Fluss-, Teich- und See-Heiligtümern, und in Kultstätten, die nahe am Wasser lagen. Galten Höhlen gemeinhin als Orte eines „Jagdzaubers“, wird mit meiner Entdeckung erkennbar, dass auch sie Wasserheiligtümer waren Weiterlesen

Versuchter Rufmord an der Minoischen Kultur


Ziel der Attacken patriarchaler Forschung sind immer wieder die matrifokalen Kulturen. Gerade ist es die Minoische Kultur, der unterstellt wird, kriegerisch gewesen zu sein statt grundsätzlich friedliebend, wie es aufgrund der Faktenlage in den Kulturwissenschaften gemeinhin angenommen wird. Abbildungen von Doppeläxten und sog. Eberzahnhelmen seien ein Beweis für Kriegsführung. Was der Archäologe Barry Molloy von der University of Sheffield, dem damit ein PR-Streich in der Presse gelungen ist, hier verschweigt, Weiterlesen