Archiv für den Monat: Februar 2013

Angelhaken lässt den Mythos vom eiszeitlichen Rentierjäger bröckeln


Mal ehrlich: Den Urmenschen stellen sich die meisten unserer Zeitgenossen entweder als pelzigen Affen vor, der gerade „von den Bäumen gestiegen“ ist, um Afrika zu verlassen, oder als bärtigen, wilden Eiszeitjäger, der mit Fell behängt und mit einem Speer bewaffnet ist. Letzterer macht mit anderen, gleich aussehenden Männern Jagd auf ein großes, gefährliches Mammut. Dass er manchmal auch einer Rentierherde nachgestellt haben muss, wird aus Bildern geschlossen, die ihn mit einem Rentier über der Schulter zeigen, wie er eine dunkle Höhle betritt, in der weitere verschwommen gezeichnete Urmenschen am Lagerfeuer auf ihn warten. Moderne Jäger und Männer am Grill sehen sich gerne in dieser Tradition.
Immer mal meldet sich auch der vor Säbelzahntigern flüchtende Urmensch in uns allen, z.B. dann, wenn uns vor Stress die Verdauung versagt. Er lässt sich mit dem martialischen Bild vom Großwildjäger so gar nicht vereinbaren. Sind nur die altsteinzeitlichen Frauen vor lauter Angst weggerannt? Sie werden selten oder nie abgebildet, und manche Leute glauben sogar, es hätte in der Steinzeit noch gar keine Frauen gegeben. „Der Sammler“ kommt im uns wohlbekannten Klischee vom Urmenschen gar nicht vor.

Dieses völlig verquere Bild verändert sich seit vielen Jahren zumindest in den Köpfen der Wissenschaftler, wie ein Besuch im Neanderthal-Museum bestätigt. Der Wandel ist den Anthropologinnen geschuldet, die begonnen hatten, die weibliche Seite der Urzeit zu erforschen. Dem Klischee-Eiszeitjäger wurde die Sammlerin zur Seite gestellt. Er soll jedoch der Hauptversorger bleiben, sie sei demnach weiterhin als Ehefrau und Mutter von ihm abhängig. In der breiten Masse bleibt es unverändert beim alten Bild, weil die Forschung in den einschlägigen Medien, sogar im öffentlich-rechtlichen „Bildungsfernsehen“ weitgehend ignoriert wird. „Und wo sollen denn bitteschön auch auf einem 3 km hohen Gletscher Nüsse zu finden sein?“, so denken Leute, die unser Bildungssystem durchlaufen haben.

Jüngst gab es wieder einen Durchbruch in der Eiszeitforschung, von dem die Allgemeinheit wahrscheinlich weitere Jahrzehnte kaum Notiz nehmen wird: In Wustermark (Brandenburg) wurden fünf Angelhaken aus der Altsteinzeit gefunden, deren ausgeklügelte Form so noch heute Anwendung findet. Alle Angler können sich nun freuen, auch ihr Hobby in den Dienst der altsteinzeitlichen Gene zu stellen, wie uns die Universität Kiel mitteilt. Die Eiszeitmenschen waren auch Angler! Zwar wurden schon früher in Deutschland, Österreich und Frankreich altsteinzeitliche Angelhaken gefunden, die Öffentlichkeit weiß bekanntermaßen davon nichts. Unter den neu gefundenen Angelhaken sticht einer besonders hervor. Er ist aus Mammutelfenbein, für das ein Alter von 19.000 Jahren ermittelt wurde, während die anderen aus Tierknochen bestehen, die nur etwa 12.300 Jahre alt sind. Weiterlesen

Live und ungeschminkt: Wie mit Glaube Politik gemacht wird


Wie im Artikel „Malischer Putschist: Zauberkräfte der Jäger“ des Feuilleton der FAZ-online berichtet wird, behauptet Hauptmann Amadou Haya Sanogo durch seine besondere Beziehung zu den Zauberern des Landes in der Lage zu sein, das politische Gleichgewicht im Staat herzustellen. Diese Zauberer seien im Besitz des daliluw, über das wir im Artikel aber nur Bruchstückhaftes erfahren, nämlich dass die Mande-Völker Westafrikas glauben, dass Zauberer, aber auch Schmiede und Jäger, es besitzen müssen, um das nyama, die „alles aus dem Hintergrund beherrschende magische Energie, in eine positive Richtung zu lenken“.
Was hat es mit dem Zauber auf sich, den Ethnologen nicht anders als mit dem Gerede der angeblichen Zauberer und von Herrschern aus der Geschichte erklären? Weiterlesen

Bestätigt: Frauen brachten die Landwirtschaft nach Mitteleuropa


Eine neue Strontiumisotopen-Untersuchung sorgt für Aufsehen in der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Der britische Anthropologe T. Douglas Price hat herausgefunden, dass die Landwirtschaft offenbar nicht von Wildbeutern bzw. den Mesolithikern angenommen und über Mitteleuropa verbreitet wurde. Daneben stellt er fest, dass mehr Frauen als Männer der Bandkeramischen Kultur (LBK) nordwestwärts wanderten und die Landwirtschaft nach Europa mitbrachten: „An interesting finding of the study is that 8,000 years ago, when Neolithic farmers were beginning to migrate into the Danube Gorges and overlap with Mesolithic hunter-gatherers, more women than men were identified as foreigners.

Letzteres ist die bedeutendere Meldung. Dass die Männer „Gründerväter“ der LBK-Siedlungen gewesen seien, und die Mesolithiker missionierten, war bis dahin die bevorzugte Meinung unter Anthropologen und Archäologen Weiterlesen

Jared Diamonds übles “Vermächtnis”


Children of the Kalahari
Verdrehte Wirklichkeit über Indigene Völker für das Patriarchat zur Ausbeute angerichtet

Pulitzer-Preisträger Jared Diamond beschäftigt sich in seinem neuen Buch “Vermächtnis” mit der Frage, was wir von den Indigenen Völkern lernen können. Seine Hauptthese ist dabei, dass wir an ihnen sehen könnten, wie die Menschheit in der Steinzeit gelebt hat. Die These ist nicht neu und nicht von ihm ersonnen: schon lange dienen Vergleiche mit Naturvölkern den Anthropologen zur Rekonstruktion der Steinzeit. Seit wenigen Jahrzehnten erst wird dies kritisiert. Insbesondere feministische Forscherinnen sehen in den Berichten von Missionaren, die häufig den ersten Kontakt mit Indigenen herstellten, zu Recht eine einseitige Sicht auf die Kultur dieser Völker. Denn Missionare haben nur Männer befragt, in der Annahme, dass nur sie kompetente Auskunft geben können und auch allein dazu berechtigt seien, Auskunft zu erteilen. Die gegebenen Sprachschwierigkeiten in Verbindung mit den Projektionen des westlichen Patriarchats führten zu einer verfälschenden Beschreibung Indigener Völker. Lange galten solche Texte in der Wissenschaft als verlässliche Quellen und waren zudem meist die einzig verfügbaren. Während Missionare unentwegt versuchten, diese Völker als gottlose Wilde hinzustellen, denen das Christentum zu ihrem Wohle gewaltsam eingetrichtert werden müsse, formte die Aufklärung das Bild vom Edlen Wilden, der in Einklang mit seiner Natur bzw. der Natur lebte. Leider stimmte dieses Bild ebenso wenig mit der Wirklichkeit überein und passte weiterhin in das patriarchale Weltbild, in dem der nackte Mann mit dem Speer in der Hand die Krone der Schöpfung sei. Obwohl dieses Bild wissenschaftlich als überholt gilt, spukt es in den Köpfen der Menschen immer noch herum, was zu einer beinahen Heiligsprechung der Naturvölker unter Esoterikern geführt hat.
Seit einiger Zeit rückt die kriegerische Seite der Naturvölker in den Mittelpunkt der Forschung. Und schon schwenkt die Hammelherde wieder ins Gegenteil um. Weiterlesen