Monogamie als evolutionäre Antwort auf Geschlechtskrankheiten?

Gerade titeln weltweit viele Zeitungen und Zeitschriften mit der Sensationsmeldung, dass nun endlich klar wäre, warum wir in Monogamie leben. Die Geschlechtskrankheiten seien die Ursache:

„Darum leben die meisten Menschen monogam“ (welt.de)
„Computersimulation: Warum wir monogam leben“ (spiegel-online.de)
„Ohne Kondom zur Monogamie: Warum leben wir in Paaren?“ (spektrum.de)

Alle Artikel beziehen sich auf die Studie „Disease dynamics and costly punishment can foster socially imposed monogamy“ der kanadisch/amerikanischen Forscher Chris T. Bauch und Richard McElreath, die am 12. April 2016 in NATURE COMMUNICATIONS veröffentlicht wurde.

Wie leichtgläubig doch jede noch so schlecht gemachte Studie sofort begierig aufgesaugt wird, wenn sie nur die Monogamie, also das uns allen auferlegte Patriarchat, als natürlich bestätigt! Es ist in der Tat kein Einzelfall. Zum wiederholten Male verbreitet insbesondere das SPEKTRUM einen solchen Artikel, der versucht, die Monogamie des Menschen als evolutionär sinnvoll hinzustellen. Ich erinnere an den Artikel Stark als Paar von Blake Edgar. Damals konnte das SPEKTRUM gar nicht anders, als meinen Leserbrief in der Printausgabe Juni/2015 abzudrucken, denn der Autor zitierte die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in missbräuchlicher Weise. Ich habe die Redaktion natürlich auch auf den patriarchatsideologischen Antrieb solcher Artikel hingewiesen. Jedoch statt aus diesem Desaster zu lernen, wird jetzt wieder unkritisch nachgebetet. Da es sich um ein Blatt mit wissenschaftlichem Anspruch handelt, wenn gleich populärwissenschaftlich, beziehe ich meine Kritik im Folgenden nur auf den SPEKTRUM-Artikel, die aber auch für all die anderen gelten soll.

Wie die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy unschlagbar schlüssig nachgewiesen hat, beruht die Entwicklung zum Sozialwesen Mensch auf der female choice und der langen Kindheitsphase, die zusammen automatisch in Matrifokalität, d.h. Matrilokalität und Matrilinearität, führen. Noch in den jungsteinzeitlichen Kulturen ist diese Matrifokalität zu finden, z.B. in Çatal Höyük, Kfar Hahoresh, der Starčevo-Kultur usw., wie es Ian Hodder und Kurt W. Alt nachgewiesen haben.
Völlig veraltet sind die Thesen der Anthropologie, die Caroline Bauer einschiebt: „Bisher glaubten Anthropologen und Anthropologinnen, dass es besonders für Frauen vorteilhafter sei, monogam zu leben, weil der Mann sie somit bei der Kinderaufzucht besser unterstützen könne. Oder dass Männer untereinander im Wettbewerb stünden und darum ihre Partnerin gegen Nebenbuhler abschirmten.“ Auch Sarah Blaffer Hrdy hat das einmal geglaubt, wie sie selbst in Fußnote 20 auf Seite 448 ihres Buches „Mütter und andere“ (2010) schrieb, hat aber den fundamentalen Irrtum erkannt.

Heute sprechen Anthropologen von „Gen-Shopping“, wenn eine Frau fremd geht. Sie trauen sich nicht, die evolutionäre Regel, nach der idealerweise jedes Kind einer Frau von einem anderen Mann ist, auszusprechen, da das erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die Regel ist beinahe selbsterklärend, da eine Frau in ihrem Leben vergleichsweise nur wenige Nachkommen hat und genetische Vielfalt zu einer gesunden Population führt.
Unter diesen natürlichen Umständen kann sich kein Bewusstsein für Patrilinearität herausbilden und auch keine Patrilokalität durchgesetzt werden. Kein Vater lebt in der Sippe seiner leiblichen Kinder. Eine Frau braucht auch keinen männlichen Alleinernährer, denn in ihrer matrifokalen Sippe sind alle als sog. Alloeltern an der Kinderpflege beteiligt, wie Sarah Blaffer Hrdy es schlagkräftig nachweisen konnte.
Die female choice dient auch der unmittelbaren Gesunderhaltung, denn ein offensichtlich erkrankter Mann ist für eine Frau eher nicht attraktiv. Eine geschlechtskranke Frau wird sich enthalten, da die Entzündungen Schmerzen beim Sex verursachen.
Auch zur Geschichte der Geschlechtskrankheiten brauchen die Autoren der Studie offenbar noch etwas Nachhilfe: Die Syphilis stammt aus Südamerika. Die Indigenen dort sind seit Jahrzehntausenden an die Syphilis angepasst und ihr Immunsystem kommt damit gut zurecht. Erst in Europa eingeschleppt wurde die Syphilis zum echten Problem. Weil das die These stört, stellen Bauch/McElreath den südamerikanischen Usprung der Syphilis in Frage: „Syphilis existed for certain by the Fifteenth century, although there is debate about whether its origin was Colombian or pre-Colombian“.
Die Gonorrhoe war schon in der Antike bekannt und sie erzeugt sehr unattraktive und unangenehme Symptome, insbesondere beim Mann. Das griechische Patriarchat nahm jedoch keinerlei Rücksicht auf die Wahl der Frau, und Prostitution war an der Tagesordnung. Es wundert nicht, dass sich die Krankheit unter solchen Bedingungen ungehindert ausbreiten konnte, während sie unter natürlichen Bedingungen so gefährlich oder ungefährlich wie jede andere Krankheit auch war.
Viele Menschen haben Chlamydien, ohne jemals daran zu erkranken. Manche Menschen erkranken, ohne es zu merken. Dies ist die Folge einer evolutionären Anpassung, die der Populationsgröße bis heute keinen nennenswerten Abbruch getan hat.
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Im Bild: Mann mit tertiärer Syphilis.

Caroline Bauer schreibt in Bezug auf die Geburtenrate: „Im Normalfall wäre es evolutionär günstiger, wenn ein Mann mit mehreren Frauen zusammenlebt“. Die Rechnung „Masse ist Klasse“, die die Macher der Studie aufstellen, könnte eine erschreckende Unkenntnis der evolutionären Zusammenhänge verraten, aber es scheint mir eher, als täuschten sie das nur vor. Denn eigentlich weiß jeder Evolutionsbiologie, dass genetische Vielfalt wesentlich wichtiger ist. Auch ist eine überhöhte Geburtenrate bekanntermaßen evolutionär ungünstig, denn es entsteht Populationsstress, der schließlich zum Zusammenbruch führt. Die female choice wirkt dagegen als eine natürliche Geburtenkontrolle, die nicht nur zur maximal möglichen Vielfalt führt, sondern auch zu einer gleich bleibenden Gruppengröße. Letztere ändert sich nur dann, wenn sich die Umweltbedingungen ändern. Warum das alles so ist, ist hier von mir zusammengefasst: http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm

Sowohl polygame, als auch monogame Völker sind Patriarchate, die immer eine Überbevölkerung produzieren. Die Ehe, ob polygam oder monogam, entzieht der Frau jede sexuelle Entscheidungsfreiheit. Die noch höhere Überlebensrate bei polygamen Völkern hängt nicht mit der männlichen Potenz zusammen, sondern damit, dass sich die Frauen bei der Kinderpflege gegenseitig helfen können und zudem nur einen Mann gemeinsam am Hals haben, der sich von den Frauen versorgt lässt.
„Evolutionär günstiger“ wäre es also, die female choice nicht zu unterdrücken, dann kann die Population gegen eine Krankheit Abwehrkräfte entwickeln, und die Gelegenheiten zur Infektion würden sinken, denn beide Geschlechter haben unter der female choice weniger Sex. Aber zu dieser Entscheidung würde sich kein eingefleischter Patriarch durchringen. Der patriarchale Mann verhält sich im Gegenteil überaus krankheitsfördernd. Der polygame Mann verringert die genetische Vielfalt erheblich und verhindert die natürliche Auslese, das ist evolutionär alles andere als günstig, es ist sogar der ungünstigste Fall.
Der „monogame“ Mann nutzt Prostitution, und schon vor der Ehe kann er sich infizieren, denn von keinem Mann wird verlangt, dass er jungfräulich in die Ehe geht, im Gegenteil! Die Krankheitserreger landen letztlich auch bei der treuen Ehefrau. Bekommt sie deshalb keine Kinder oder stirbt sie, nimmt er sich eine neue…. Der monogame Mann bleibt eine Märchenfigur, und das „costly punishment“ ist ein Mythos, denn Patriarchate feiern die männliche Potenz, statt sie zu unterdrücken.

Keine Frau, kein Mann konnte aber letztlich wissen, dass die Erkrankung die Folge von Sex ist. Warum sollten sie also auf die Idee kommen, deshalb monogam zu leben?

Was also ist dann der Grund, warum Menschen heute in Paaren leben? Die Frage ist doch längst von der Patriarchatsforschung beantwortet worden. Unter natürlichen Bedingungen kann sich kein Patriarchat herausbilden. Kein Mann kann hier die Sexualität der Frauen kontrollieren, es gibt keine Ehe. Der Grund, warum wir heute in Paaren leben, ist keine Geschlechtskrankheit, sondern allein die Unterdrückung der female choice zur Durchsetzung der Ehe. Es ist allein die Krankheit Patriarchat.
Das Patriarchat ist eine Erfindung der ersten Viehnomaden vor ca. 8000 Jahren. Jede außereheliche Beziehung der Frau wäre eine Gefahr für die wirtschaftliche Existenz des Patriarchen gewesen, der seine Herde zusammenhalten musste und Söhne brauchte. Hier entwickelte sich das Bewusstsein für Patrilinearität, die mit Patrilokalität, also der Gefangennahme der Frau, durchgesetzt wurde. Auf meiner Homepage können Sie dies ausführlich nachlesen:
http://www.gabriele-uhlmann.de/patriarchat.htm

Fazit: Dass Anthropologen bisher keinen evolutionären Nutzen in der Monogamie erkennen konnten, wie Caroline Bauer schreibt, ist darin begründet, dass es a) keinen Nutzen gibt und b) die Monogamie nicht evolutionär bedingt ist. Offenbar darf das beides nicht sein.
Entsprechend gestaltete sich die Zusammensetzung der verarbeiteten Daten. Wären matrifokale Völker in die Studie einbezogen worden, wäre herausgekommen, dass hier die Krankheitsrate am niedrigsten ist. Aber das durfte ja nicht passieren. Es wurde also die patriarchale Polygamie der patriarchalen Monogamie gegenübergestellt, als gäbe es keine matrifokalen Völker und als hätte es sie nie gegeben. Polygamie, im Christentum geächtet, kann jetzt als gefährlich dargestellt werden. Das Ergebnis der Studie stand also schon vorher fest.
Mir scheint, die Autoren der Studie wollen Angst vor Geschlechtskrankheiten schüren und damit die Ehe und das christliche Abendland retten.
Informationen zu den Autoren der Studie, Chris T. Bauch und Richard McElreath.
http://www.math.uwaterloo.ca/~cbauch/cv.html
https://www.mpg.de/9349950/anthropologie_wissM4

Live: Der Zusammenbruch einer Zivilisation

Apamea 01

Ein kluger Artikel auf FAZ-online über die wahren Hintergründe des Syrienkonflikts beschreibt, dass es nicht um Menschen geht, weder auf amerikanischer noch auf russischer, chinesischer, ja nicht einmal auf syrischer Seite selbst. Syrien ist strategischer Raum, die Menschen sind denen da oben schnurzpiepegal. Soweit geht die Analyse der FAZ, aber leider nicht weiter.
Die Menschen in Syrien sind lästig, sie stören. Also weg damit. Warum gibt es kein echtes Erbarmen? Das Problem ist hausgemacht, denn der Mensch wäre dort sowieso längst nicht mehr, hätte es keine Schaf-, Ziegen- und Rinderherden gegeben. Syrien ist ein menschenfeindliches Land und zwar schon seit mehreren tausend Jahren, denn Syrien ist eine Steppe an der Schwelle zur Wüste. Nur an wenigen Flussoasen ist Landwirtschaft möglich. Dürren sind auch hier eine stete Bedrohung und die menschengemachte Erosion geht voran. Mehr als Massentierhaltung auf spärlichem Gras geht dort nicht, und diese wurde von Beginn an von Patriarchen betrieben. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass auch das nur eine Episode, ein kurzes Aufbäumen gegen Mutter Natur bleiben kann. Das Land ist dem Untergang geweiht, nicht trotz, sondern wegen des Patriarchats.

In Syrien erleben wir live den selbstverantworteten Zusammenbruch einer patriarchalen Zivilisation, ein Schicksal, das in der Vergangenheit alle patriarchalen Zivilisationen irgendwann geteilt haben. In Syrien gab es vor 6000 Jahren noch lebensfreundliche Gegenden, von denen kulturelle Impulse ausgingen, doch sie waren klimatisch dem Untergang geweiht. Statt dass sich die Bevölkerung auf natürlichem Wege gesund schrumpfte, statt dass die Menschen weniger wurden, wurden sie immer mehr. Mehr als je zuvor, auch trotz der damals schon stattfindenden Migrationen. Wie konnte das passieren? Wo vorher alles allen, der matrilinearen Sippe gehörte, begannen Männer, Brüder die wenigen Haustiere und das Land an sich zu reißen. Und die Tiere wurden immer mehr und es wurden junge Männer gebraucht, Arbeitskräfte, auf die sie sich verlassen konnten, die ihnen ihrerseits die Tiere nicht stahlen und sie auch im Alter nicht im Stich ließen. Aber sie hatten ganz am Anfang keine Söhne, jeder Mann kannte nur seine Mutter und seine Geschwister. Die Patrilinearität, die bis dahin völlig unbekannt war, musste also hergestellt werden. Das war der Beginn des Patriarchats. Und dazu brauchte es Frauen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Und so standen am Beginn des Patriarchats Entführungen und Vergewaltigungen. Die Sexualität der bis dahin freien Frau wurde fortan unterdrückt, denn nur so konnten die Männer ihrer Söhne habhaft zu werden. Nichts anderes erleben wir bis heute, nicht nur mit Boko Haram oder dem sog. IS.

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Mit dem Patriarchat veränderte sich das Sozialgefüge, bei dem einst die Sorge für Mütter und Kinder (also aller) im Mittelpunkt stand (Matrifokalität), grundlegend und nachhaltig. Die Sorge der patriarchalen Familie dreht sich um das Wohl der männlichen Mitglieder. Frauen helfen sich daher kaum noch gegenseitig, sie sind ja auch nicht mehr blutsverwandt. Sie werden nicht nur für das sexuelle Wohlergehen des Mannes verantwortlich gemacht. Seit Beginn des Patriarchats mussten Frauen Ehemännern im Jahresrhythmus Kinder schenken, die auch erwachsen wurden. Die Ernährung mit Milch und Fleisch machte es möglich. Söhne waren und sind bis heute bevorzugt. Töchter oder Ehefrauen waren und sind zu teuer, die Frauen waren und sind „unwillig“, die Mütter waren und sind überfordert, Frauenhass machte sich breit.

Riesige Viehherden durchstreiften nun mit ihren Pastoren, den Viehhirten, das Land, die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes immer im Schlepptau. Die Überweidung durch das Viehnomadentum erreichte jeden Winkel, die Erosion des nahm ihren Lauf. Auf der Suche nach brauchbarem Grasland oder neuen Frauen prallten die Patriarchen immer wieder aneinander, der Krieg, die organisierte Gewalt, war erfunden und endet bis heute nicht. Um Gras und Frauen geht es heute nur noch den Männern auf der Straße. Den Mächten geht es um Rohstoffe, Zugänge und Durchgänge.

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Mehr als ein wenig Viehwirtschaft, Handel und Tourismus lässt sich in Syrien, genau genommen im gesamten Nahen und Mittleren Osten, nicht betreiben. Wo also sollen jetzt all die Menschen hin, die aus den Städten vertrieben werden? Viehherden haben sie schon lange nicht mehr, ihre Geschäfte und Handelswege sind zerbombt, Touristen kommen nicht mehr. Die Menschen sind obdachlos und den Regimes sind sie völlig schnuppe. Das syrische Regime und Putin sind froh, wenn sie endlich alle tot oder vertrieben sind. So dachten schon die Herrscher in der Antike. Mit Sintfluten und Naturkatastrophen befreite sich der assyrische, der hethitische und der abrahamitische Gott, allesamt sog. Wettergötter, von der lästigen und als zu laut empfundenen Bevölkerung, genauso können wir es nachlesen. Dabei hatten sich eben diese Wettergötter vorgenommen, ihre „Schäfchen“ zu stillen. Kriege wurden auf diese Weise legitimiert, allerdings nicht weniger leise. Das Versagen und die Unfähigkeit der Götter und der Herrscher in ihrem Versprechen, wie eine Mutter für die Menschen zu sorgen, macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar.

Wenn alle tot gebombt sind, könnte es sich Assad in seinem Palast gemütlich machen… aber dann werden die Potentaten aus Russland, China oder den USA ihn nicht mehr brauchen und erledigen. Die brauchen nur das pure Land, das sie bequem als strategisches Gebiet zur Eroberung der Welt nutzen wollen. Das Patriarchat in Reinkultur kümmert sich nicht um Menschen, sondern um den Profit. Kümmert es sich ausnahmsweise doch einmal um Menschen, z.B. um Assad oder um alleinerziehende Mütter, dann nicht bedingungslos und schon gar nicht uneigennützig. Aber das Öl wird irgendwann alle sein. Vielleicht versuchen die Scheichs, in Europa einen islamischen Staat aufzubauen, damit sie am Ende des Ölzeitalters hier weitermachen können.

Es wäre klug, den Menschen, die zu uns kommen, auch diese Zusammenhänge zu erklären. Die Weisheit von Mutter Natur wird den patriarchalen Menschen völlig von Mutter Erde verbannen. Die Mächtigen haben längst begonnen, den Menschen auf den Mond zu schießen.

Die Busenwand – ein neuer Fall von Sexismus in der Archäologie

Jungsteinzeitlicher Wandfries zeigt eine matrilineare AhnenreiheWandfries aus

Bildquelle: Homepage SWR2

Als Sensation kann man die Präsentation des rekonstruierten Wandfrieses aus der Pfahlbaukultur vom Bodensee (Ludwigshafen-Seehalde), die bei der Großen Landesaustellung Baden-Württemberg 2016 in Bad Buchau und in Kloster Schussenried gezeigt werden wird, schon bezeichnen. Sie ist in ihrer monumentalen Größe ein bislang einzigartiger Fund. Der offizielle Arbeitstitel „Busenwand“ ist in Anbetracht der endlich stattfindenden Sexismus-Debatte allerdings sensationell ignorant.

Die „Busenwand“ hat es, wie könnte es anders sein, als „sensationelle Busenwand“ in die Schlagzeilen geschafft und sie ist der zur Ausstellung wegweisende Hashtag. Da sind tatsächlich auch Busen zu sehen, sie sind jedoch lediglich Elemente einer Wandinstallation mit mindestens 7 Frauengestalten, zwischen denen sich weitere Motive mit symbolischer Bedeutung befinden. „Welche Symbolik lässt sich denn dahinter vermuten, eine pornografische etwa?“, fragt Tobias Ignée vom SWR2-Radio (SWR2-Interview vom 20.1.2016, 12.33 Uhr). Wer regelmäßig archäologische Berichterstattung ließt, ist davon nicht überrascht, auch nicht vom „Riesenbusen“, der aufpoppt, wenn man das Interview auf der Homepage des SWR anhören will. Interessant ist aber die Antwort Dr. Helmut Schlichtherles, des Chefs der Unterwasserarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der die Ausstellung wissenschaftlich berät: „Also zunächst hat man gesagt, ja gut, also Fruchtbarkeitssymbolik vielleicht, es gibt ja auch das Diktum einer Großen Muttergöttin der Jungsteinzeit, das immer wieder durch die Literatur geistert. Und wir sind zunächst auch mit diesen ja sehr schwammigen Hypothesen angetreten und haben dann aber gesehen, hoppla, da ist ja nicht nur eine, da sind mindestens sieben, alle gleich groß, alle nebeneinander in einem Fries, und da sind ja Zwischenmotive. Und über die Zwischenmotive sind wir sehr viel schlauer geworden und unter anderem auch über die Köpfe der Frauengestalten. Die Köpfe sind sonnenförmig. Und mit den Zwischenmotiven können wir sagen, da sind Ahnenreihen dargestellt. Es sind auch Zeitgenossen dargestellt, also ganz kleine anthropomorphe Signets und es gibt also einen Zusammenhang zwischen Ahnenverehrung, Ahnenreihen und diesen großen Weiblichen gestalten.
Hoppla, dieser offiziellen Deutung des Fundes kann ja aus Sicht der Patriarchatsforschung im Großen und Ganzen zugestimmt werden! Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als den Nachweis von Matrilinearität, die seriöse Bezeichnung lautet damit Ahninnenwand. Sie ist der Beweis, dass diese Kultur, die Pfyner-Kultur (einer der Michelsberger Kultur zugeordneten Untergruppe), kein Patriarchat war. Die eigentliche Sensation ist also, dass die Matrilfokalität der Altsteinzeit sich nachweislich vielerorts bis in die späte Jungsteinzeit halten konnte. Vielerorts deshalb, weil derartige Brüste auch an anderen Stellen gefunden wurden, so auch in Mönchberg, Goldberg, Reute-Schorrenried, Heilbronn-Klingenberg und Remseck-Aldingen (Quelle: Literaturhinweis 2). Aber darüber erfahren wir nichts.
Es wird uns so wenig mitgeteilt, weil am Dogma des ewiges und allgegenwärtigen Patriarchats nicht gerüttelt werden darf. Genau darum geht es letztlich bei allen sexistischen Bemerkungen, die Archäologen immer wieder in der Öffentlichkeit äußern.
Diese Form des Sexismus dient nicht in erster Linie der Unterdrückung der Frau, sondern der Unterdrückung der Tatsache, dass die Frau in der Urgeschichte nicht unterdrückt war. Die Muttergöttin „geistert“ nicht umsonst durch die Literatur, ihre Präsenz ist eine direkte Folge der Matrilinearität, und sie ist selbst-verständlich im Gegensatz zur schwer verständlichen Vatergott-Theologie. Als Maria, Fatima, Heiliger Geist, Kali etc. hält sie sich bis in die Gegenwart, weil die Menschheit nun einmal matrifokal ist. Ihre Natur aber wird vom Patriarchat unterdrückt.
Welche Bedeutung steht denn hinter diesem Zusammenhang, haben Sie da irgendwie den Code schon geknackt?“, fragt Tobias Ignée nach. „Es lässt sich auf etwa zeitgleichen Keramikgefäßen sehen, dass die Ahnenreihen zu diesen großen Frauen mit ihren sonnenförmigen Köpfen hinführen, so eine Mischung aus Ahnengestalt mit göttlichen, kosmischen Bezügen“, antwortet Schlichtherle darauf. Und da ist sie doch schon wieder, die Göttin, man wird niemals drum rum kommen. Tobias Ignée reagiert beinahe sprachlos: „Und das alles auf 7 Meter?“ „Ja,“, antwortet Schlichtherle, „und das auf 7 Meter, mindestens sieben mal, sich wiederholend aber in Details unterschiedlich, auch das ist dann sehr interessant. Man kann also sehen, dass die einzelnen Individuen, also diese großen Frauen, dass man die auch unterscheiden wollte, die hatten sicher auch ihre eigenen Namen und auch ihren eigenen kleinen Mythos.

Schlichtherle erklärt hier unbeabsichtigt die Wurzeln der Religion. Das Wort „religio“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Rückbindung“. Wer die Bibel ließt, wird darin tatsächlich viele Rückbindungen finden, und zwar Rückbindungen an patrilineare Ahnen. Wir lesen beispielsweise in Matthäus, Kapitel 1 eine schier endlose Aufzählung vermeintlicher, männlicher Ahnen Jesu. Sie mag unwichtig erscheinen, ist aber von elementarer Bedeutung für die Kirchenväter:

1 Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. 2 Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. 3 Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. 4 Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. 5 Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. 6 Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. 7 Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. 8 Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. 9 Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. 10 Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. 11 Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. 12 Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. 13 Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. 14 Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. 15 Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. 16 Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus 17 Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
(Quelle: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/1/)

Josef war nicht der leibliche Vater Jesu, das wird im Neuen Testament deutlich. Jesus führt sich stattdessen auf die kurze, uneheliche weibliche Ahnenreihe Anna und Maria zurück. Das ärgert die Patriarchen natürlich. Die Matrilinie muss überschrieben werden. So ermüdend sich die männliche Ahnenreihe Jesu nun auch liest, sie ist der Kern der biblischen Aussage: Es gibt keine Urmutter, die weibliche Ahnenreihe ist bedeutungslos.

Seit den Anfängen und bis heute sind sehr viele Archäologen zugleich auch Theologen oder haben einen mehr oder weniger engen Bezug zur Kirche. Sie versuchen auch, die Bibel anhand ihrer Funde zu beweisen, hat doch die Evolutionslehre und jüngst auch die Anthropologie an ihren Grundfesten gerüttelt. Und so ist ihnen jedes Mittel Recht. Sexismus ist ein Weg, unliebsame Meinungen loszuwerden.
Ein besonders prominentes Beispiel ist die Urmutter vom Hohle Fels, offziell „Venus vom Hohle Fels“, die älteste Figurine der Menschheit (ca. 35.000 bis 40.000 Jahre alt). Sie wurde als „nach heutigen Maßstäben an Pornografie grenzend“ besprochen, „das Stück“ sei „aufgeladen mit sexueller Energie“, einem „Brathähnchen ähnlich“. Sie wurde als „Henny“, als „schwäbische Eva“ oder „Frau Fröhlich“ bezeichnet, ihre Höhle sei „wohl ein heißer Sexunterschlupf“ gewesen. Dazu habe ich mich bereits auf meiner Homepage gabriele-uhlmann.de ausführlich geäußert.

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Urmutter vom Hohle Fels, Elfenbein, Höhe 6 cm

Der Begriff „Venus“ für altsteinzeitliche Frauendarstellungen war damals schon ironisch gemeint. Man fand die Figurinen hässlich, eine Frau hatte aber hübsch zu sein. Der Venus-Begriff ist also sexistisch, und dies hat einen noch triftigeren Hintergrund. Die Verortung der Figurine irgendwo im römischen Polytheismus als Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Venus macht sie zu einer von Vielen, zu einer Unbedeutenden, jedenfalls nicht zu dem, was sie ist, einer Urmutter einer matrifokalen Sippe.

Archäologen haben nicht nur Schwierigkeiten im Umgang mit der Würde der Frau, sondern auch im Umgang mit ihrer Nacktheit. Schlichtherle antwortet in dem Radio-Interview auf die Frage „Wie bekam denn dann die Arbeitshypothese den Arbeitstitel ‚Busenwand‘?“: „Ja, das war naheliegend. Die Brüste sind auch jetzt und waren sicher auch in der Jungsteinzeit das herausragende, das besondere Merkmal dieser Wand. Alles andere ist in Flachmalereien mit weißer Farbe aufgemalt, da sind also auch Gestalten, dann Konturlinien, Arme und Hände, aber die Brüste sind plastisch. Die haben was Haptisches, und wenn man in diesen Raum reingekommen ist, wenn man ins Dämmerlicht des Hauses trat, dann strahlten die sicher mit ihrer weißen Punktbemalung aus dieser Wand heraus und waren das auffällige Merkmal.“ Sicherlich gilt diese Behauptung für den Fall, dass moderne Männer den Raum betreten. Aber der Raum war von Frauen für Frauen gemacht, aber auch für Männer, die sich ebenfalls nur über ihre Mütter definierten, und für die die Nacktheit von Frauen keine Aufforderung zu sexuellen Handlungen war. Die Frauen der Naturvölker tragen ihre Brüste immer noch nackt und ihr Anblick ist so selbstverständlich wie der Anblick eines Männeroberkörpers. In Matrilinearität, und damit auch Matrifokalität, leben die Männer mit ihren Schwestern zusammen. Die natürliche, chemotaktische Inzestschranke verhindert sexuelle Beziehungen zwischen ihnen. Jungen wie Mädchen werden bis ins 6. Lebensjahr gestillt und sind daher daran gewöhnt, die Brust als Quelle von Milch und Geborgenheit wahrzunehmen. Dafür stehen sicherlich auch die weißen Punkte der Wandinstallation, die übrigens nicht nur auf den Brüsten, sondern über den gesamten Frauenkörpern verteilt sind.
Die Brüste haben natürlich aus der Sicht von Kleinkindern „etwas Haptisches“, aber eben auch aus der Sicht von Busengrabschern. Ich will damit niemandem etwas unterstellen. Die Sexismus-Debatte hat jedoch deutlich gemacht, dass der Blick auf den weiblichen Körper in unseren Gesellschaften provoziert, weil die Frau im Patriarchat als Objekt gilt. Diese „Objektivierung“ wird in der Debatte allerdings nicht auseinandergenommen. Statt echter Aufklärung mit dem Wissen der Patriarchatsforschung werden Erziehung und strafende Gesetze als Gegenmittel gefordert. Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, nachhaltig kann das nicht sein, aber man begibt sich damit wenigstens nicht in den gefürchteten Biologismus-Verdacht.

Die Frau als Objekt ist – das könnten wir schon heute auf interdisziplinärer Basis in den Schulen lehren, aber noch nicht lernen – das Ergebnis eines Irrtums, der den ersten Viehzüchternomaden der Steppe passierte, der Irrtum, dass die Frau nur das Gefäß des männlichen Samens sei. Dieser Irrtum verbreitete sich mit den ersten Kriegen über Europa und über die Welt. Der Same gehört seitdem in die Metaphorik der Ackerfurche und des Pflugs, der seit der späten Jungsteinzeit von Männern geführt wurde. Biologisch völlig falsch ist dieser Begriff, handelt es sich beim Sperma doch in Wahrheit nur um Pollen. Der Mann schwang sich damit aber zum Schöpfer auf, er begann die Natur nach seinem Willen zu formen: er züchtete Tiere (und später auch Pflanzen) und forderte eine „züchtige“ Frau. In diesem viehnomadischen Weltbild müssen Frauen, die ihre female choice leben und damit Matrilinearität herstellen können, „gebranntmarkt“ und „gezüchtigt“ werden. Das ist das Wesen des Sexismus.

tannenbaum-signet

Ausschnitt aus dem Wandfries, „Tannenbaum“. Gestapelte Beine in Gebärhaltung und Töchter.

Was die Bedeutung des Wandfrieses angeht, so wäre die Deutung der Signets für das Publikum von Interesse (gewesen), dass die „Tannenbäume“ ebenfalls in den Kontext der Matrilinearität gehören. Es handelt sich um übereinander gestapelte Beine in Gebärhaltung. Sie entsprechen den Matrioschka-Puppen, die wir aus Russland kennen. Es handelt sich demnach um den, im besten Sinne des Wortes, „Stammbaum“ der Sippe, wenn auch Sippen keine Stämme bilden. Die kleinen Figuren unterhalb der Frauen dürften für die Zahl ihrer Töchter stehen. Wir haben es damit tatsächlich mit einer Bilderschrift zu tun, die uns die Geschichte der Sippe mit 7 zeitgleichen Müttern, Schwestern, erzählt. Die Sonnensymbolik fügt sich darin ein. Die Sonne mit ihren Auf- und Untergängen, steht für Leben, Sterben und Regeneration im Bauch von Mutter Erde. Die Sonne war in der matrifokalen Frühgeschichte weiblich. Bei uns ist sie dies bis heute, im Gegensatz zum östlichen Kulturkreis, dessen Religionen von Patriarchen in Europa gewaltsam verbreitet wurden.

Quellen

Soweit nicht anders angegeben, stammen sämtliche Zitate dieses Artikels aus dem Radio-Interview des SWR2 von Tobias Ignée mit Dr. Helmut Schlichtherle vom 20.1. 2016 um 12.33 Uhr

Weiterführende Literatur:

  1. Armbruster, Kirsten: Gott die MUTTER: Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus. Norderstedt 2013 http://www.amazon.de/dp/3732231186
  2. Schlichtherle, Helmut: Ein gynäkomorphes Wandrelief vom Mönchberg bei Stuttgart-Untertürkheim. In: Dobiat, Claus; Leidorf, Klaus: Tradition und Innovation. Prähistorische Archäologie als historische Wissenschaft. Festschrift für Christian Strahm. S. 119-127. Rahden/Westf. 1997
  3. Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205
  4. Uhlmann, Gabriele: Der Gott im 9. Monat. Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt. Norderstedt 2015 http://www.amazon.de/dp/3738639012

female choice – unser Menschenrecht

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Inhaltsangabe. Ganzer Artikel zum Download (PDF). Es ist die Frau, die wählt. Diese sog. female choice ist das oberste Naturgesetz der Evolution. Sie ist auch das Erfolgsgeheimnis der menschlichen Evolution, unseres Menschseins, denn sie bedingte die Zusammenarbeit beider Geschlechter in der Sippe, in der die Mütter und Kinder stets im Zentrum der Fürsorge standen. Die female choice als Basis dieser Kooperation kommt daher nicht der Frau allein zugute, sondern allen Menschen. Sie ist nicht nur ein Frauenrecht, sondern ein echtes Menschenrecht, und die Männer täten auch im eigenen Interesse gut daran, sie zu achten. Die Unterdrückung der female choice macht das Patriarchat und seine Folgen erst möglich. Die Erforschung des Patriarchats ist in diesem Sinne Ursachenforschung. Sie liefert die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet der Mensch, der für sich in Anspruch nehmen kann, eine besonders intelligente und soziale Tierart zu sein, Kriege führt, und sich mit psychischen Problemen, Zivilisationskrankheiten und Epidemien herumschlagen muss. Diese Probleme betreffen andere Arten auch nur dann, wenn der Mensch sie aus ihrem artgerechten Leben reißt. Auch keine andere Tierart neigt zu Überbevölkerung oder hat Umweltprobleme ausgelöst, die es in seiner Existenz bedrohen. Die Überbevölkerung ist die unmittelbarste Folge der Unterdrückung der female choice und erst in zweiter Linie mit einigem Abstand Folge der landwirtschaftlichen Überproduktion. Letztere war wiederum nur wegen der steigenden Bevölkerungszahlen möglich geworden. Sämtliche menschengemachte Probleme, mit denen die Weltgemeinschaft heute zu kämpfen hat, sind daher ursächlich mit der Unterdrückung der female choice bzw. dem Patriarchat in Verbindung zu bringen. Im folgenden Artikel erläutere ich diese Feststellung anhand der vielen Funktionen und unterschiedlichen Formen der female choice, unserem Menschenrecht, von dem nur Wenige wissen.

Ganzer Artikel zum Download (PDF).

Mein Kommentar zu einem Biologismus-Vorwurf in einem Blog:

Wie wollen wir einem Erdogan (Quelle) entgegentreten, der die Gleichberechtigung für unnatürlich hält? Oder den Maskulisten, die das auch behaupten?
Wenn wir ihnen mit nichts weiter als Gender und Feminismus entgegentreten, also ideologischen Konzepten, dann haben wir in Wahrheit NICHTS und nochmal NICHTS entgegenzusetzen! Dann steht Aussage gegen Aussage. Ideologie gegen Ideologie. Dann gibt es den Krieg, den wir jetzt haben.

Mir kommt es darauf an, das anthropologische Wissen zu verbreiten, dass GLEICHBERECHTIGUNG DURCH UND DURCH BIOLOGIE IST. Die female choice sorgt auf natürliche Weise dafür. Die Natur ist nicht biologistisch und sie benachteiligt weder Frauen noch Männer. Das Pfund mit dem wir also wuchern können, unser selbstbewusstes Frau- und Muttersein, verunglimpfen die Gendermainstreamer als biologistisch und machen sich damit genaugenommen Erdogan gleich.
Wenn Gleichberechtigung nur eine kulturelle Errungenschaft wäre, dann bestünde keinerlei Hoffnung, dass wir jemals weltweit zu ihr zurückfinden. Denn Kultur wird im Patriarchat immer über die Natur gestellt, und nur daraus bezieht das Patriarchat seine Energie. Es zieht seine Energie aus der Unterdrückung der female choice.

Die HEILIGE HOCHZEIT der babylonischen Zeit ist dafür DAS Symbol schlechthin. Es geht in diesem Ritual um die Aneignung sog. weiblicher Macht (vermeintlicher Macht, denn Patriarchen können nur in dieser Kategorie denken) mit dem Mittel der Unterdrückung der female choice, dies öffentlich im Staatsritual mit einer Vergewaltigung zur Schau gestellt. Das Ritual finden wir heute verweltlicht in der Prostitution, in den Kriegsvergewaltigungen, in sexuellem Missbrauch etc.. „Sperma Care“ ist in diesem Sinne nichts weiter als das Dafür-Sorge-Tragen, dass der Mann weiterhin die Oberhand behält.
In meinem Buch „Der Gott im 9. Monat“ http://www.amazon.de/dp/3738639012 habe ich beschrieben, dass es dem Patriarchen darum geht, sich die Natur der Frau einzuverleiben, um die Allmacht zu erringen, die Unsterblichkeit, die Macht über Leben und Tod. Das versucht er nicht nur mit Unterdrückung zu erreichen, sondern auch damit, dass er der Frau das Frau- und Muttersein madig macht. Was uns keine Freude mehr bereitet, kann der Patriarch ergreifen und seine Willkür darüber ausüben. Begreifen wir doch endlich wie KOSTBAR unsere Fähigkeiten sind, so kostbar, dass die Patriarchen in ihrem Gebärneid sie uns wegnehmen wollen! Und ziehen wir uns nicht selbst gegenseitig herunter in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Patriarchat.
Erdogan will uns auf die Mutterrolle zurückwerfen, schreibt der SPIEGEL. Das ist Gender-Soziologen-Vokabular, aber Muttersein IST KEINE ROLLE. Diesem Irrtum sind doch auch Erdogan und seine patriarchalen Ahnen schon erlegen, nur drückt er es weniger intellektuell aus. Mütter spielen buchstäblich weder im Patriarchat noch sonst wo eine Rolle. Wir befinden uns aber sprichwörtlich im falschen Film. Das habe ich in meinem Text ausgeführt. „Rolle“ ist ein moderner Begriff für „Gefäß“, dieses Wort wurde einst dafür benutzt. Aber eine Mutter ist kein Gefäß, in das ein Embryo vom Mann hineingepflanzt wird, kein Gefäß, das nach der Geburt leer ist und weggeworfen werden kann…kein Anhängsel, das nach der Geburt das Kind dem Patriarchen schenkt, überlässt, aushändigt, ausliefert.
Ein Topf wird nach dem Kochen abgewaschen und in den Schrank gestellt, ein Topf wird BENUTZT, so wie ein Schauspieler eine Rolle „spielt“, weil es anderen gefällt.

MutterSEIN in der matrifokalen Sippe, also unter Wahrung der female choice, bedeutet in erster Linie Glück und Selbstbestimmung. Dieses Glück vererbt sich direkt und epigenetisch auf die Kinder. Matrifokalität bringt keine frustrierten jungen Männer hervor, die Bomben werfen, oder unglückliche Frauen, die sich prostituieren müssen. Keine Frau MUSS unter Matrifokalität Mutter werden, keine Lesbe, kein Schwuler wird diskriminiert, sondern sie werden aufgefangen und in der Sippe geliebt und gebraucht. Welcher Mann sich darum reißt, mit Kindern leben zu wollen, wird nicht als Väterrechtler per Gericht einer Mutter die Kinder wegnehmen können, sondern findet in der Sippe ausreichend Betätigungsfelder, die ihn keinen Cent kosten. Ebenso ist sexueller Frustration vorgebeugt, weil niemand ein Treuegelöbnis leisten muss. Treue findet in der Sippe statt, auf natürliche Weise, durch verwandtschaftliche Bindung, durch sich gegenseitiges Versorgen. Die Sexualität ist davon völlig getrennt und braucht keine Treue. Frauen und Kinder sind in der Sippe vor Übergriffen geschützt, weil keine Ideologie Tätern Rückhalt gibt, und weil die Sippenmitglieder füreinander Verantwortung empfinden.

Schon heute leben sog. alleinerziehende Mütter vor, dass es die natürlichste Sache der Welt ist, nicht von einem Mann abhängig zu sein. Sie erleben den Rückhalt ihrer Mütter und Schwestern, sind also gar nicht allein, und werden es nie wieder sein. Reich wird frau so vielleicht nicht, aber zufrieden. Wenn nur die nächste Generation es genauso macht, sind wir auf einem guten Weg.

Das Patriarchat kam aus der Steppe: Kurgan-These international bestätigt


Marija Gimbutas musste sich in der Vergangenheit für ihre sog. Kurgan-These immer wieder in einer unsachlichen, schändlichen Kampagne mit Schmutz bewerfen lassen, weil sie nachweisen konnte, dass die ersten Patriarchen, Reiterkrieger aus der südrussischen Steppe, das matrifokale Alte Europa mit Krieg überzogen und patriarchalisierten. Jetzt hat sie starke Rückendeckung aus der Genetik erhalten, womit die Kritiker eigentlich verstummen müssen.

Mit einer Großstudie unter Federführung von David Reich von der Harvard Medical School, und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (Jena), die an der DNA von knapp 100 Skeletten, die 3000 bis 8000 Jahre alt sind und aus unterschiedlichsten Kulturen stammen, vorgenommen wurde, bestätigt sich, dass die indoeuropäische Kultur aus der südrussischen Steppe stammt. Die Untersuchungsergebnisse veröffentliche jüngst das online-Magazin des SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT. Äußerst erfreulich ist dabei, dass in dem Artikel, den Jan Osterkamp schrieb, die Worte „Kurgan“ und „hierarchisch-patriarchisch“ fallen. Zudem ist der Text mit Wikipedia (Stichwort „Kurgan-These“) verknüpft, wo Marija Gimbutas als Begründerin der These erwähnt ist.

http://www.spektrum.de/news/indoeuropaeisch-kommt-aus-der-steppe/1335235

Dagegen scheint es die NEW YORK TIMES nicht für nötig zu halten, sie auch nur zu erwähnen:

http://www.nytimes.com/2015/06/16/science/dna-deciphers-roots-of-modern-europeans.html?_r=1

Der Archäologe David Anthony, der in dem NYT-Artikel als Experte befragt wird, muss sich aus schlechtem Grund dazu äußern. Er hat sich in der Vergangenheit an der Schmutzkampagne gegen Marija Gimbutas immer wieder beteiligt. Dabei ist er es höchstpersönlich, der mit seinen Forschungsergebnissen nichts anderes tut, als immer wieder Gimbutas These zu bestätigen. Mit seiner These der mafiösen „Wolf-Gangs“, Horden junger Männer, die als Wölfe verkleidet raubschatzend durch die Gegend zogen, belegt er auch die Gewaltbereitschaft der Steppenbewohner. Die parasitäre und schizophrene „Wissenschaft“ des David Anthony erreicht mit der Leugnung der aggressiven Natur der Eroberung Europas durch die Leute aus der Steppe (hier die Jamnaya-Kultur) einen neuen Höhepunkt: „David W. Anthony, an archaeologist at Hartwick College and an author of the Harvard study, said it was likely that the expansion of Yamnaya into Europe was relatively peaceful. ‚It wasn’t Attila the Hun coming in and killing everybody.’“ (Zitat aus NYT)

Was David Anthony offenbar nicht wissen will, sind die Fakten, die die Patriarchatsforschung zusammengetragen hat: Das Patriarchat ist nicht die natürliche Lebensform von homo sapiens. Als Hirtennomaden waren die Steppenbewohner die ersten Menschen überhaupt, die in Patriarchaten lebten, denn das Vieh, ihre Hauptnahrungsquelle, gehörte den Männern, die die Frauen zwangen, mit ihnen zu ziehen. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie auch die ersten Frauenunterdrücker waren. Wer immer ihnen auf der Suche nach Weideland im Wege stand, wurde regelrecht wegrasiert. Das betraf vor allem die Ackerbauern. Dies alles hält Anthony für „relativ friedlich“. Damit behauptet er indirekt auch, dass Gewaltbereitschaft dem Menschen angeboren sei. In Internet-Foren lesen wir, dass leider immer noch die Mehrheit der Menschen genau dies glaubt. Dass das Patriarchat die Ursache allen Übels ist, wird daher oft nicht wahrgenommen und geleugnet. Diese Verteidigung des Patriarchats dürfte die Folge des kollektiven Stockholm-Syndroms sein, dem die Menschheit verfallen ist.

Die Ackerbau-Kulturen des Alten Europa, die Marija Gimbutas beschrieb, lebten nicht in Patriarchaten, sondern matrifokal und friedlich. Entsprechend sind bis zum Ende dieser Kulturen keine kriegerische Handlungen nachweisbar, wie ich es in meinem Buch „Archäologie und Macht“ erläutert habe. Erst mit der Einführung der Rinderzucht kam Gewalt auf. Das bandkeramische Massaker von Talheim wurde wahrscheinlich von umherziehenden Rinderzüchtern angerichtet. Mit dem Untergang der Bandkeramik gingen auch die frühen patriarchalen Zellen wieder unter, sie löschten sich selbst aus. Der früheste Nachweis einer Kern-Familie, also Vater, Mutter, Kind, die patriarchale Lebensform, gelang in Eulau, wo Mitglieder einer Siedlung der Schnurkeramik gewaltsam ums Leben kamen. Die ersten stabilen Patriarchte kamen aus der Steppe, und sie überrollten das Alte Europa mit ihrer Masse und mit ihrem Panzer, dem Pferd. Mit dem Patriarchat kam auch die Überbevölkerung, die schon zum Auszug aus der Steppe geführt hatte. Die Überbevölkerung der Menschheit ist immerhin als Ursache aller menschgemachten Probleme allgemein anerkannt. Weniger bekannt ist, dass sie die Folge der Unterdrückung der female choice durch den patriarchalen Mann ist, der einen ausgeprägten Gebär- und Stillneid entwickelte. Bei der Beobachtung, dass der Stier oder der Hengst die Kuh oder die Stute „befruchtete“, was „mit Frucht versah“ bedeutet, verrannte er sich in dem folgenschweren Irrtum, dass die Frau nur das Gefäß seines Samens sei. Diese Haltung hielt mit den Indoeuropäern auch im ackerbäuerlichen Leben Einzug, wo die Ackerfurche mit dem weiblichen Geschlecht gleichgesetzt wurde und der Sämann der Herr über das Leben der Pflanzen wurde, wo ursprünglich die Frauen die Felder bestellten. Dabei ist der vermeintliche Samen des Menschen lediglich Pollen.

Die indoeuropäische, patriarchale Denkweise und Sprache stammt aus den Patriarchaten der Hirtennomaden. Dieses Faktum sollte nun endlich Einzug in die Wissenschaft halten. Da die Kirche, die den „Guten Hirten“ als ihren Gott hochhält, die Herrschende Lehre immer noch in Geiselhaft hält, müssen wir darauf wohl noch länger warten.

Uniprofessorin verbreitet Unwahrheit über die Strontium-Isotopen-Befunde aus Talheim

‚Was Knochen erzählen und was nicht‘ titelt ausgerechnet ein Artikel der MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013 (oder hier auf der Uni-Seite), in dem die Untersuchungsergebnisse der Skelettreste des „Massakers von Talheim“ falsch wiedergegeben werden. Darin wird behauptet, dass „eine Strontium-Isotopen-Analyse der Zähne ergab, dass einige Frauen – im Gegensatz zu den übrigen Opfern – nicht in Talheim aufge­wachsen sind.“ Dies ist die Unwahrheit. Es hat nämlich jene Strontium-Isotopen-Analyse (siehe Abbildung) in Wahrheit ergeben, dass mindestens drei weibliche Opfer einheimisch und nur ca. drei ortsfremd waren. Ebenso stammten auch mindestens fünf Männer von außen. Der extremste ortsfremde Wert stammt sogar explizit von einem Mann! Dies habe ich ausführlich schon 2012 in meinem Buch „Archäologie und Macht“ besprochen.

diagramm-korrektur

[ Abbildungsunterschrift: Korrektur des Ergebnisses der Strontium-Isotopen-Analyse auf der Basis des Diagramms von Price et al. 2006, S. 272. Die schwarze gestrichelte Linie bezeichnet den Durchschnitt. Je größer die Abweichung davon nach unten oder nach oben, desto ortsfremder ist das Individuum. Von mir ergänzt sind die Spektren für Ilsfeld und Vaihingen (weiß) sowie die weiße Trennlinie für Hochland- und Niederungswerte und die schwarzen Striche unter den Nummern für ab 10jährige. Mädchen ab ca. 10 Jahren sind für Frauenraub interessant. Schon in meinem Buch veröffentlichte ich die offensichtlichen Fehler, die bei der Übertragung der Daten in das Diagramm gemacht wurden, so dass ich eine Korrektur der Grafik vornehmen musste. ]

Auch wenn die Archäologin Heidi Peter-Röcher, Professorin am Lehrstuhl für Vor- und Frühge­schichtliche Archäologie der Universität Würzburg, zurecht über die Sensationsgier in der Archäologie „den Kopf schüttelt“, beteiligt sie sich hiermit an dem Versuch der Herrschenden Lehre, die Talheimer Funde dazu zu benutzen, eine patriarchalische Gesellschaft zu zeichnen; denn nur in einem solchen gesellschaftlichem Umfeld sind Ehrenmorde denkbar, über die sie für Talheim spekuliert.

Wie Professor Dr. Kurt ALT in einem SPIEGEL-Artikel mitteilen ließ, fand die Arbeitsgruppe Palaeogenetik der Universität Mainz Folgendes heraus: „Die Starčevo-Farmer sind die Ahnen der Bandkeramiker. Diese wiederum breiteten sich als eine Bewegung von Tanten, Onkeln und Schwestern aus“. Diese Feststellung, die heutzutage auch leicht als ‚gender-korrekt geschrieben‘ überlesen werden kann, muss wörtlich genommen werden. Die Untersuchungen passen in kein patriarchales Szenario, bestätigen also für die Bandkeramische Kultur Matrifokalität und kein Patriarchat!

Dies bedeutet nicht, dass hier eine gewalttätige matrifokale Kultur gefunden wurde. Die Bandkeramik war an ihrem Ende patriarchalem Druck von außen ausgesetzt. Dies dokumentiert das Massaker.

Literaturnachweis:

Jeske, Christine (red.): Was Knochen erzählen und was nicht. In: MAIN-POST GESCHICHTE vom 09. März 2013. Von

Price, T. Douglas; Wahl, Joachim; Bentley, R. Alexander: Isotopic Evidence for Mobility
and Group Organization Among Neolithic Farmers At Talheim, Germany, 5000 BC. In: European Journal of Archaeology. August 2006 vol. 9 no. 2-3 259-284

Schulz, Matthias: Multikulti in der Steinzeit. In: Der Spiegel Nr. 6, 31.1.2015, S.118-119

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012

 

 

 

Also doch: Frauen malten die altsteinzeitlichen Höhlen aus

Cueva de las Manos2
Kennen Sie ein einziges Lehrbuch oder populärwissenschaftliches Werk, in dem altsteinzeitliche Frauen dargestellt sind, die Höhlenbilder malen? Von Archäologinnen schon lange gefordert, kamen Autoren und Zeichner der Bitte, auch malende Frauen abzubilden, bisher nicht nach.

Die Höhlenmalereien galten als das Werk von männlichen Jägern, die ihre Jadgbeute darstellten, Jagdzauber betrieben und als Schamanen und Künstler die Kultur resp. die Religion und die Horde dominierten. Dagegen standen schon lange die Statuetten, die für Jahrzehntausende nur Frauen oder Tiere abbildeten. Manche Gegenstände wurden krampfhaft als Penis gedeutet, waren letztlich aber doch nur Werkzeuge, erkennbar an den Spuren, die ihre Benutzung als solche dokumentierten. Seltene Abbildungen von Männern aus der für menschliche Verhältnisse schon recht jungen Ära des altsteinzeitlichen Magdaleniens (vor ca. 15000 Jahren) wurden reflexhaft als Bilder von hochstehenden Hordenführern gedeutet. Für die patriarchalisch herrschende Lehre ist daher eine gerade im National Geografic veröffentlichte Meldung ein herber Rückschlag, für die Menschheit aber eine Sensation: Die Handabdrücke in den Höhlen stammen offenbar zu 75% von Frauen.
Der britische Evolutionsbiologe John Manning, fand schon vor über 10 Jahren heraus, dass sich die Hände von Frauen und Männern in der relativen Länge der Finger unterscheiden. Bei Frauen sind Zeigefinger und Ringfinger annährend gleich lang, während bei Männern der Ringfinger länger ist als der Zeigefinger.
Der Evolutionsbiologe R. Dale Guthrie behauptete noch 2006, die Handabdrücke stammten von jungen Männern. Der Prähistoriker Dean Snow von der Pennsylvania State University untersuchte die Handabdrücke in den Höhlen Südfrankreichs und Nordspaniens und veröffentlichte nun seine Ergebnisse. Drei Viertel der Handabdrücke konnte er als weiblich identifizieren. Damit haben auch die Zeichnungen von Tieren, die mit den Handabdrücken „signiert“ wurden, zu 75% weibliche Urheber.
Die Wahrnehmung der weiblichen Kulturleistungen wirft ein anderes Bild auf den frühen Menschen, als es die modernen Cartoonisten und Buchautoren immer wieder reproduzieren. Die Urgeschichte muss, das ist allerdings schon länger klar, neu geschrieben werden. Die herrschende Lehre verweigert das beharrlich, und wer es trotzdem versucht, wird es schwer haben, Gehör zu finden oder Karriere zu machen. Dean Snows Mut ist dieser Durchbruch zu verdanken, der bald in der Versenkung zu verschwinden droht.
Sollte jemand ein Buch kennen oder demnächst finden, das es wagt, eine Ausnahme zu machen, würde ich es mich freuen, davon zu erfahren.

Nachtrag, 21.11.2014.
Australien. Unbekannte prähistorische Felsbilder entdeckt. Es handelt sich um Handabdrücke, die von Frauen und Kindern stammen:
Bericht auf ABC-News

Anmerkungen zu den “Reflexionen zur Fruchtbarkeits-Symbolik und zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Sexualverhaltens“ von Gerhard Bott

(Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich mit einem Text der auf
http://www.gerhardbott.de/ bzw. als PDF erschienen ist.)

Ein „echter Bott“ ist auch dieser Text, der sich mit der Sexualität des Menschen von den Anfängen bis tief hinein in die Patriarchalisierung befasst. In juristischer Klarheit und Sprache rollt Gerhard Bott einige Gedanken aus seinem 2009 erschienenen, für die Patriarchatsforschung äußerst wichtigen Buch „Die Erfindung der Götter“ neu auf, die noch nicht ausreichend ausgeführt waren. Insbesondere die female choice brachte er in seinem Buch zwar aufs Tapet, sie rückte aber sogleich wieder in den Hintergrund, lag sein Hauptaugenmerk doch eher auf den wirtschaftlichen Bedingungen als Basis der Patrilinearität und Patrilokalität der Rindernomaden. Als erste Leserin des fertigen Manuskriptes von „Die Erfindung der Götter“ motivierte ich Gerhard Bott einst, das Manuskript auch als Buch zu veröffentlichen. In dem von mir verfassten Buch „Archäologie und Macht“ von 2012 befasste ich mich insbesondere mit der female choice, die ich als „freie Wahl der Frau von Partner, Ort und Zeit des Geschlechtsverkehrs“ definierte, und die mich schon seit meinen frühen Forschungsjahren beschäftigte. Insofern war ich gespannt, wie Bott meine Einwände und Hinweise nun verarbeitet hat.
Besonders gefallen haben mir die Unterüberschriften „Der Phallus als Sexualorgan und gefälliger Diener der Vulva“, „Der Phallus als Fruchtbarkeitssymbol und Samenspender“, „Der Phallus als Herr der Vulva“, die allein schon ausdrücken, wie die keineswegs einfache oder plötzliche Überhöhung des Mannes schrittweise inszeniert wurde. Insofern ist dieser neue Text ein Gewinn für die Patriarchatsforschung.
Leider vernachlässigt Bott aber die jüngeren Publikationen, die wichtige Details, auf denen er seine Argumentation aufbaut, als veraltet erscheinen lassen. Bedauerlich ist, dass er das Buch „Mütter und andere“ der amerikanischen Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy (auf dem deutschen Markt seit 2010) und die Arbeiten des Londoner Primaten-Forschers und Anthropologen Volker Sommer ignoriert. Leider erliegt er daher einigen Fallstricken, die die von ihm so treffend benannte „Urvater-Gemeinde“ ausgelegt hatte, und bleibt in manchen patriarchalen Vorurteilen und in patriarchaler Sprache verhaftet. Insofern ist der nun von ihm vorgelegte Text eine echte Enttäuschung.

Bott schreibt zu Beginn: „Sexualität als Notdurft. Jedes Tier ist ein Sexualwesen, aber es nimmt sich selbst nicht in seiner Sexualität wahr“ (S. 2), und baut die weitere Argumentation darauf auf. Allerdings, auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung steht die Zoologie noch ganz am Anfang. Worüber wir praktisch nichts wissen, ist die Frage, inwieweit Intelligenz mit Bewusstsein identisch sind. Intelligenz ist bei weitem nicht auf Primaten beschränkt. Neue Hinweise auf technische Intelligenz bei Tieren liefern ausgerechnet Vogelarten wie die Rabenvögel. Auch ihr ausgeprägtes Sozialverhalten spricht für eine sehr frühe evolutionäre Entwicklung von sozialer Intelligenz, die über Brutpflege hinausgeht. Auch Liebe ist bei Tieren nachweisbar, sogar artfremde Tiere entwickeln füreinander freundschaftliche bzw. liebevolle Gefühle. Muss sich das nicht auch zwangsläufig in der Sexualität offenbaren?
Wenn Sexualität eine reine Notdurft wäre, wäre jeder Sex eine Vergewaltigung, zumindest solange es keine eindeutige Brunftzeit gibt. Aber um den überlebenswichtigen Frieden zu wahren, bedarf es der Einvernehmlichkeit, das möchte Bott doch sicherlich nicht bestreiten. Die klare Trennung von Liebe und Geschlechtsverkehr braucht er jedoch für seine Beweisführung.

„Die Erotik“ soll seiner Meinung nach erst eine Erfindung der Menschenfrauen sein. Dass er keine allgemeingültige Definition für diese Erotik liefern kann, liegt an der Komplexität des Themas, das sich einer juristischen Prüfung entzieht, und für das es so viele Erklärungen wie Menschen gibt. Woher will er also wissen, dass Gorillas oder Bonobos, Tiere generell keine Erotik kennen, Sexualität also reine Notdurft ist? Ist ein balzendes Männchen nicht für das Weibchen erotisch? Löst nicht die Erotik des Weibchens die Balz aus, weil das Männchen sie wahrnehmen kann? So muss ich bezweifeln, dass die Erotik, was auch immer er vielleicht darunter versteht, Frauen erfunden wurde. Leider macht Bott keinerlei Angaben darüber, wann genau dies geschehen sein soll, eine für ihn untypische Ungenauigkeit, die mich aufmerksam macht. Aus seinen Ausführungen entnehme ich aber, dass er den Zeitpunkt der Erfindung mit der Menschwerdung ansetzt.
Ich verstehe unter Erotik in erster Linie die Wahrnehmung sexueller Anziehungskraft in Verbindung mit einem unterschwelligen Versprechen von Geschlechtsverkehr. Dies ist beiden Geschlechtern möglich. Dass Männer nicht nur sexuelle Signale wahrnehmen können, sondern auch bewusst oder unbewusst selber aussenden, sollte ihm doch geläufig sein. Müssten die Männer seiner These zufolge nicht diese Erfindung gestohlen haben? Ich möchte verstehen, was genau Bott meint.

Da er von der tierischen Sexualität als Notdurft spricht, kann er mit Erotik nur entweder die durch sexuelle Handlungen bestimmte Paarbildung oder Paarbindung oder beides zusammen meinen. Da es zur Paarbildung, wie ihm ja angeblich die Tiere beweisen, keinerlei Erotik bedarf, verbleibt nur die Paarbindung. Wie er schon im Buch richtig erkannt hat, ist die Monogamie beim Menschen ein patriarchaler Mythos. Seine Zeitangabe zur Dauer der natürlichen Paarbindung ist aber so ungenau wie falsch. Die Verliebtheit dauert natürlicherweise, darüber sind sich  VerhaltensforscherInnen und die Allgemeinheit einig, höchstens 3 Monate und nicht, wie von ihm postuliert, bis zu mehreren Jahren für einen unwahrscheinlichen Fall, dass die (von ihm nicht näher erläuterte) Erotik aufrecht erhalten werden kann. Seltene Ausnahmen bestätigen vielleicht die Regel. Der Zeitraum entspricht der kurzen Phase, in der eine Schwangerschaft noch nicht offensichtlich ist.
Ein dicker Bauch macht eine Frau unattraktiv. In der Abhängigkeit des Patriarchat muss sie mittels Erotik den Partner in der Schwangerschaft und darüber hinaus an sich binden, oder ihn zu einer Prostituierten „schicken“, damit er sie und ihre Kinder weiterhin beschützt und ernährt. Diese besondere Erotik ist ein Verhalten, das Tierweibchen nicht nötig haben, und das in der Menschheitsgeschichte bis vor rund 7000 Jahren unbekannt war. In matrifokalen Kulturen sind Sexualität und die materielle Existenz nicht gekoppelt, wie Bott in „Die Erfindung der Götter“ bereits herausgearbeitet hatte. Sexuelle Liebe ist hier ein lustvolles Intermezzo, die gegenseitige Anziehungskraft folgt keiner langfristigen Notwendigkeit. Längere Beziehungen basieren auf Freundschaft, „gleicher Wellenlänge“, „Seelenverwandtschaft“. Die Paarbindung ist für die Aufzucht der Kinder nicht relevant, es sei denn, die Frau und der Mann leben in einer Robinson-Einsamkeit, wie sie in der patriarchalen Kleinfamilie gewissermaßen auch der Fall ist.

In Ausübung ihrer female choice sendet eine Frau bewusste Signale nur an denjenigen Mann aus, dem sie gefallen will. Unwillkürliche Signale, wie ihr Körperbau, werden von allen Männern wahrgenommen. Männer können theoretisch lernen, zu erkennen, welche Signale die Frau gezielt absendet. Im Patriarchat glaubt der Mann, den ersten Schritt zu tun und zu tun müssen, und übersieht ihre Absichten einfach. In Wahrheit kann er nur im zweiten Schritt auswählen, und auch nur aus der Gruppe der Frauen, die ihn interessant finden. An dieser Stelle setzt männliche Erotik an. Im Patriarchat hat sich der Mann eine in der Natur so nicht vorkommende „male choice“ verschafft, indem er die Frau wirtschaftlich dominiert (Geld macht sexy), um Hand beim Vater einer Frau, die ihm gefällt, anhält und schließlich auch seine Tochter verheiratet. In der Ehe muss die Frau ihre female choice endgültig unterdrücken, der Mann hingegen ist nur auf dem Papier sexuell unfrei. Frauen treten so in stärkere sexuelle Konkurrenz zueinander, was ihnen die Ausübung ihrer female choice noch weiter erschwert. Eine erotische Frau, d.h. eine ihre Weiblichkeit bewusst versprühende Frau, hat daher mehr Chancen. Bestimmtes weibliches Sexualverhalten, ein Teil der bekannten Erotik, ist daher erst im Patriarchat entstanden, herauspervertiert aus den altgedienten Möglichkeiten. Im Grunde ist der patriarchale Mann dabei, ein neues übersteigertes Erotikverhalten der Frau zu selektieren bzw. zu züchten, das er jedoch immer stärker unter Kontrolle bringen muss. Hiermit könnte, dies nur am Rande, die zunehmende Frauenfeindlichkeit auch erklärt werden.

Bott schreibt (S.7): „Dennoch ist zu bedenken, dass die Natur die Frauen mit einem äusserst starken Geschlechtstrieb ausgestattet hat. Wenn wir die Hodengrösse zugrunde legen, müssen wir ja für Männer, wie für Frauen ein Viertel der Sexualfrequenz der Bonobos annehmen, die viele Male täglich mit wechselnden Partnern kopulieren. Zu bedenken ist ferner: Die paläolithischen Sexualpartner waren jung, in den besten Jahren, denn die meisten starben mit 30 Jahren. Nach den naturwissenschaftlichen Befunden können wir für die paläolithischen Menschen das ganze Jahr hindurch zwei Kopulationen täglich als normal ansehen.“ Ich möchte zur Diskussion stellen, welchen evolutionären Sinn ein „äußerst starker Geschlechtstrieb“ der altsteinzeitlichen Frau haben sollte. Heute ist zwar zu beobachten, dass Frauen starke sexuelle Signale senden, aber „wenn es darauf ankommt“, ist das körperliche Begehren geringer als das des Mannes. Frauen wollen nicht immer, Männer dagegen schon eher. Aus evolutionärer Warte muss der Mann so sein, denn die Frau verbirgt ihren Eisprung und ist nur in einem kleinen Zeitfenster pro Monat fruchtbar. Wäre auch der Mann seltener bereit, käme es zu selten zum Geschlechtsverkehr, um die Population aufrechtzuerhalten. Die Fruchtbarkeit müsste dann wie bei den Hirschen zur Brunft synchronisiert werden. Bott schreibt außerdem (S. 7): „Die relative Hodengrösse des Mannes liefert uns den naturwissenschaftlichen Beweis dafür, dass er infolge des starken weiblichen Begehrens genetisch unter einem sehr viel stärkeren Bewährungsdruck stand, als der relativ träge Gorilla mit seinen sieben ‚Haremsdamen’.“ Die Hodengröße als Maß für die Sexualfrequenz ist keine Beweisführung, sondern lediglich eine These, die m.E. „phallo-orchischen“ Männerphantasien entstammt. Aus der medizinischen Forschung wissen wir längst, dass die Größe der Hoden nicht mit der Qualität des Spermas korreliert, die sich aus Menge des Ejakulats, der Zahl der Spermien und ihrer Vitalität zusammensetzt. (Genauso liefern große Brüste dem Baby nicht mehr Milch. Auch eine Frau mit sehr kleinen Brüsten kann ihr Kind voll stillen.) An der Befriedigung der Frau hat das Ejakulat letztlich keinerlei Anteil. Eine Erektion ist auch bei entleertem Hoden möglich, wenn die sog. Refraktärzeit beendet ist, die unterschiedlich lange andauert. Weibliche Sexualität ist auch nicht auf Penetration fixiert, somit spielt die Beschaffenheit des männlichen Sexualorgans nicht die Rolle, die sich Männer einbilden. Da Bott den Tieren die Erotik abspricht, muss er für den Gorilla eine gewaltsame Bindung der Weibchen an den Silberrücken postulieren. Aber auch hier irrt er, wie schon die Urvater-Gemeinde vor ihm, denn die Gorilla-Weibchen verlassen nicht selten die Gruppe für immer und wandern zu einem anderen Männchen ab, wie Volker Sommer es gezeigt hat. Daneben gehen Gorilla-Weibchen bei Gelegenheit auch fremd, so dass insgesamt von Zwangs-Monogamie und Monopolstellung des Silberrückens keine Rede sein kann. Wie soll ein Gorilla auch gleichzeitig mehrere Weibchen in Schach halten? Es scheint vielmehr so zu sein, dass sich mehrere Gorilla-Weibchen ein Männchen teilen, und zwar freiwillig. Auch hier wirkt die female choice, die Bott leider nicht, wie auch die „Urvater-Gemeinde“ als universelles Naturgesetz erkennt.

„Das sexuelle Wahlrecht der sapiens-Frau“ reduziert Bott in der Überschrift auf Seite 5 auf die vermeintliche Erotisierung. Dass er die female choice als eine mächtige, evolutionäre Größe nicht vollständig verstanden hat, beweist insbesondere dieser pseudowissenschaftliche Absatz: „Die sapiens-Frau, die ja ein Wissen um ihre Sexualität gewonnen hat, folgt ihrem Geschlechtstrieb nichtmehr geist- , gedanken-, phantasie- und scham-los,sondern erfährt und erlebt an sich selbst eine Differenzierung ihres Begehrens und ihrer Empfindungen. Sie ist damit gewillt und fähig, ihren Geschlechtstrieb in der Weise zu kultivieren, dass sie Erotik “ ins Spiel bringt „. Das sexuelle Verhalten wird dadurch wesentlich von Erotik mit bestimmt. Die Frau entwickelt Vorliebenfür bestimmte Männer oder, zeitlich begrenzt,für einen bestimmten Mann, wobei neben den animalischen Instinkten, wie Geruch, die Attraktion durch Pheromone (Ektohormone) u.ä., subtile erotische Attraktionen ihre Wahl immer stärker bestimmen.“ (S. 6) Der Prozess, den Bott hier beschreibt, ist ja nichts anderes als das Bewusstwerden der female choice, die zuvor auch unreflektiert über hormonelle Steuerungen funktionierte. Aber dies sprach er den Gorilla-Weibchen ja bereits ab. Neue Forschungen haben ergeben, dass das sog. sexuelle „Beuteschema“ genetisch bedingt ist, und Frauen sich Männer aussuchen, die einen ähnlichen Gesichtschnitt und ähnliche Chemie bzw. „Ausdünstungen“ aufweisen, dies über alle gesellschaftlichen Zwänge. Natürlich muss ein triftiger Grund vorliegen, dass eine Frau anfängt, in ihre female choice bewusst einzugreifen. Da die Natur dafür keinerlei Anlass liefert, muss ihr neues Verhalten gesellschaftliche Ursachen haben. Dass gerade Bott das Patriarchat mit seinen „subtilen erotischen Signalen“, wie dem Geld, als den entscheidenden Faktor bei der modernen Partnerwahl übersieht, und dieses Verhalten in die Altsteinzeit verlegt, ist geradezu ärgerlich.

Patrilokalität in der LBK verzweifelt gesucht – Neuer Anlauf nach dem Talheim-Desaster

Bereits vor Jahren wurde erfolglos versucht, mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen am sog. Massaker von Talheim der späten LBK uns glauben zu machen, Patrilokalität sei für die erste Ackerbaukultur in Mitteleuropa, die Linienbandkeramik (LBK), bewiesen. In meinem Buch „Archäologie und Macht“, erschienen Anfang 2012, veröffentlichte ich die fundamentale Kritik an der Talheimforschung. Vor kurzem informierte mich eine aufmerksame Leserin, dass Anfang des gleichen Jahres eine neue Studie veröffentlicht wurde, die erneut vorgibt, Patrilokalität für die LBK bewiesen zu haben.

Die Skelettreste von über 300 Individuen der LBK-Zeit aus verschiedenen Gräberfeldern von West- bis Osteuropa und aus verschiedenen Jahrhunderten (5450-5100 v.u.Z.) wurden dazu auf ihre Strontium-Isotopen untersucht. Strontium-Isotopen lassen eine Aussage darüber zu, wo ein Mensch seine Kindheit verbrachte.
Der ORF berichtete über diese Studie in einem Artikel mit der Überschrift „Die Ungleichheit ist älter als gedacht“: „Als die Landwirtschaft vor rund 7.500 Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist, haben sich schnell soziale Unterschiede entwickelt. Die sesshaften Bauern vererbten Grund und Boden an ihre Söhne. Wer keinen begüterten Vater hatte, musste wandern und sich eine Siedlung suchen.“ Die alte These, die LBK sei von ihrem Wesen her patriarchalisch, wird also wieder aufgekocht. Das Ergebnis der Studie wird allerdings am Ende des Artikels relativiert, lässt sich die Patrilokalität doch nach wie vor nicht für die gesamte LBK feststellen. Es ist zu hoffen, dass die LeserInnen bis dorthin gelesen haben: „Man müsste Skelettserien aus der ganz frühen Phase der Linearbandkeramischen Kultur mit Skeletten aus der ganz späten Periode vergleichen.“ antwortet eine der AutorInnen der Studie, die österreichische Prähistorikerin Maria TESCHLER-NICOLA, auf die Frage, „wie und wann genau es zu einer stark hierarchisch geprägten Gesellschaft gekommen ist“, wie wir sie in der Bronzezeit vorfinden.
Die Ergebnisse der Originalstudie bestätigen natürlich die Ausgangsthese der Forscher. Die Strontium-Isotopen sind bei den Frauen variabler als bei den Männern, und weniger variabel bei denjenigen Männern, die mit einer Axt aus Stein begraben wurden. Daraus wird nicht nur auf Patrilokalität geschlossen, sondern auch, dass Männer, die mit einer Axt bestattet wurden, einst die besten Lößböden besetzt hatten.
Einer der Autoren dieser Studie, R. Alexander BENTLEY, vertritt, wie ich in „Archäologie und Macht“ schon erläutert habe, die These, dass in der LBK bereits Almwirtschaft betrieben wurde. Auch dies wird in der neuen Studie nochmals aufgegriffen. Die Männer von außerhalb könnten, so BENTLEY, auch Hirten gewesen sein, die ja keine Äxte benötigen. Dass auch Frauen auf Almen tätig sind, weiß er offenbar nicht. Die These gefällt ihm vor allem deshalb, weil Hirtengesellschaften stets patriarchal organisiert sind und er damit seine Überlegung verwerfen kann, dass die Ergebnisse auch einfach nur den Umstand reflektieren könnten, dass die Männer mit den Äxten zu den Gruppen gehören, die zuerst die Lößböden besetzten, sie also lediglich die bandkeramische Migration reflektieren.

Die Ergebnisse lassen, so die Forscher, auch einen anderen Schluss zu, nämlich, dass die Männer, die ohne Äxte bestattet wurden, zu ihren Ehefrauen zogen, und diese Frauen von den Axt-Männern von den besten Böden verdrängt wurden. Diese Interpretation lassen die Forscher aber nicht gelten, da solche Erklärungen weder archäologisch noch genetisch gestützt seien. Sie tun nicht nur so, als gäbe es die archäologischen Befunde von Marija GIMBUTAS nicht, sondern sie haben die Chuzpe, ausgerechnet die Forschungsergebnisse von Sarah Blaffer HRDY „Mütter und andere“ (2010) für ihre These zu vereinnahmen. HRDY sagt, und dass wird von ihnen offenbar anerkannt (!), dass wir Menschen im Schutz matrifokaler Gruppen der Altsteinzeit erst zu dem sozialen und kreativen Wesen wurden, das wir heute sind. So ärgerlich dies für alle Seiten ist, es wird damit indirekt bestätigt, dass matrifokale Gruppen vom aufkommenden Patriarchat gewaltsam verdrängt wurden. Allein der Zeitpunkt ist noch strittig.

Die Forschergruppe versucht, anhand von insgesamt sieben Gräberfeldern die vermeintliche Patrilokalität der LBK nachzuweisen. Besagte Leserin lieferte mir dankenswerterweise dazu einen wertvollen Hinweis: „Wie Peter-Röcher jedoch zeigen konnte, handelt es sich bei den bandkeramischen Gräberfeldern lediglich um einen bestimmten Ausschnitt aus einer ganzen Anzahl von praktizierten Bestattungssitten, die nur wegen ihrer Ähnlichkeit mit den heutigen Verhältnissen in der Literatur unverhältnismäßig große Beachtung fanden. Die im Vergleich zu den Siedlungsfunden geringe Zahl der Gräberfelder, zugleich die Vielzahl der intramuralen Bestattungen gerade von Frauen und Kindern ist dabei ebensowenig berücksichtigt worden wie die Funde einzelner Knochenfragmente, die ebenfalls für Sekundärbestattungen sprechen“, stellt Ina WUNN in ihrer Dissertation aus dem Jahre 1999 fest. Die Leserin schreibt mir: „Wenn jetzt nur Friedhöfe untersucht werden, wird logischerweise ein systematischer Bias produziert, da ja diejenigen eng miteinander verwandten und in besonderem Maße mit dem jeweiligen Dorf verbundenen Frauen nicht erfasst werden können. Allein deswegen dürfte der Aussagewert der Studie eher als gering einzustufen sein.
Recht hat sie, es handelt sich bei den Skeletten der Studie keineswegs um einen repräsentativen Querschnitt aus der LBK, sondern um schon von den LBK-Leuten selbst vorsortierten Individuen. Auch die Auswahl der Gräberfelder selbst könnte mehr oder weniger bewusst ergebnisorientiert getroffen worden sein. Dieses fundamentale Problem bleibt nicht das einzige…

Natürlich hat es mich interessiert, die Studie genauer unter die Lupe zu nehmen – so wie ich es schon mit den Talheim-Studien getan habe – und tatsächlich bin ich fündig geworden.
Auf den ersten Blick ist nicht sichtbar, wie viele Männer und Frauen in jedem Ort untersucht wurden, ein ausgewogenes Verhältnis wäre wünschenswert. Warum müssen wir erst mühsam anhand des online zur Verfügung gestellten Materials selbst nachzählen? Das Dataset S1 ist nicht chronologisch aufgelistet, wie es sinnvoll wäre, sondern alphabetisch, so dass ich erst einmal in dieser Beziehung aufgeräumt habe. Die folgende, so aus dem Material generierte Tabelle zeigt auf, dass die in Dataset S1 vermerkten Individuen-Anzahlen (n-DS1, Spalte links) in Teilen nicht mit den Zahlen im Text der Studie (n-angeb, Spalte links) übereinstimmen.

Gräberfeld
(Jahr v.u.Z.)
Männer

Männer
(unsicher)

Frauen

Frauen
(unsicher)

Kinder Unbestimmt
Vedrovice (5450)
n-DS1=78
(n-angeb=64)

19

7

30

2

18

2

9A

1AA

1A

2A

1AA

Aiterhofen (5300)
n-DS1=63
(n-angeb=64)

26

9

20

4

2

2

11A

2A

2A

2A

1A

Ensisheim (5200)
n-DS1=34
(n-angeb=34)

15

10

2

6

1

6A

2AA

Souffelweyersheim (5200)
n-DS1=18
(n-angeb=18)

6

3

3

6

2A

1A

Kleinhadersdorf (5200)
n-DS1=33
(n-angeb=34)

11

9

8

5

6A

1A

Schwetzingen (5100)
n-DS1=101
(n-angeb=103)

34

7

48

1

11

12A

2A

Nitra (5100)
n-DS1=62
(n-angeb=62)

11

6

21

4

20

7A

1A

2A

Summen Individ.

122

32

141

12

55

27

154

153

55

27

n-DS1=389
(n-angeb=379)

307

82

Summen Äxte

53A

6AA

3A

3A

3A

5A

3A

1AA

LEGENDE:
n-DS1 = Anzahl nach Tabelle Dataset S1
n-angeb = angebliche Anzahl nach Studien-TEXT
A = 1 Axt pro Bestattung
AA = 2 Äxte pro Bestattung
Rot = nicht übereinstimmend
Grün = bemerkenswert

Die Studie wurde offenbar wieder einmal schlampig verfasst. Oder gibt es einen anderen Grund für die Diskrepanzen? Wir wissen es nicht, aber so wird es uns erschwert, die Studie nachzuvollziehen. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit sämtlicher Zahlen ist damit auf jeden Fall beschädigt. Schon bei den Talheimer Befunden wurde nachweislich eine Frau zum Mann gemacht und ein Mann hinzuerfunden, ob dies hier auch der Fall ist, lässt sich nicht ohne Weiteres erkennen.

Das Geschlechterverhältnis ist bei jeden Ort unausgewogen. Vielleicht glauben die Macher der Studie, auf diese Weise das Ergebnis für die weiblichen Individuen überzeugender, repräsentativer zu machen. Nach welchem Kriterium aber die Männer ausgewählt wurden, außer dem der Untersuchbarkeit natürlich, ist unbekannt.
Interessant ist, dass im Text der Studie explizit nicht mitgeteilt wurde, dass auch Frauen und Kinder mit Äxten bestattet wurden. Dies erweckt beim Leser natürlich den Eindruck, als handele es sich bei den Äxten um Herrschaftssymbole.

Wie immer bei Untersuchungen an sehr alten Knochen gibt es auch hier eine Fehlerquote. Wir können uns nach den strengen Regeln der Anthropologie nur mit 75-95%iger Sicherheit darauf verlassen, dass die Geschlechter der als sicher geltenden Befunde wahrheitsgemäß bestimmt wurden. Es fehlen zudem jegliche Nachweise von Verwandtschaftsverhältnissen. Sogar die Methode der Strontium-Isotopen-Bestimmung ist keine fehlerfreie Methode. Für die Zuverlässigkeit des Messergebnisses ist entscheidend, dass das untersuchte Individuum nicht regelmäßig ortsfremde Nahrung zu sich genommen hat (siehe dazu A.u.M., S.165 FN 31).

Wie dem auch sei, zwei von sieben untersuchten Gräberfeldern, nämlich Aiterhofen und Ensisheim, die nicht zu den jüngsten Gräberfeldern zählen, zeigen nach Aussage der Forscher eine signifikante Abweichung von ihrer Patriarchatsthese, was sie jedoch nicht weiter kümmert. Meine Leserin fasst ihre Beobachtungen treffend zusammen: „Nur ganz wenige Frauen sind für die statistisch signifikante Abweichung verantwortlich. Das ist nicht das Muster, dass ich bei patrilokalen Heiratsregeln erwarten würde.

Selbst wenn die Fehlerfaktoren Technik, Alter und Mensch ausgeschlossen werden können, bestätigt die Studie letztlich nur das, was die Patriarchatsforschung schon länger weiß, nämlich dass mit dem Patriarchat der Untergang der Bandkeramik eingeleitet wurde. Wenn auch gerade die ältesten Befunde der Studie aus Vedrovice 5450 v.u.Z. angeblich besonders signifikant sind, spricht das nicht dagegen. Vedrovice liegt im Osten des LBK-Gebietes, von wo sich die Kultur verbreitet hat, nachdem sie voll ausgebildet war, hat also ihrerseits schon eine längere Entwicklung hinter sich. Der Befund könnte ein Licht auf die schnelle Ausbreitung der LBK nach Westen werfen, die der herrschenden Lehre immer noch unerklärlich erscheint. Ich vertrete in „Archäologie und Macht“ die Ansicht, dass die schnelle Ausbreitung der LBK auch von den Mesolithikern mitgetragen wurde, die ebenfalls matrifokal, aber nicht sesshaft lebten, und sich den LBK-Leuten anschlossen. Ich möchte nicht ausschließen, dass der Grund, dass sich die LBK-Leute überhaupt auf den Weg machten, darin lag, dass sie sich der Patriarchalisierung entziehen wollten. Aber aufgrund der unsauber gemachten Studie lassen sich keine sicheren Aussagen diesbezüglich treffen.

Zu guter Letzt ist anzumerken, dass auch in matrilokalen Gruppen die Männer an ihrem Geburtsort leben und ihr Heim nur verlassen, wenn sie eine geliebte Frau besuchen. Der Befund sagt aus, dass die einheimischen Männer typischerweise Äxte ins Grab bekamen und die nicht einheimischen Männer nicht, doch auch davon gibt es Ausnahmen. Die ortsfremden Männer waren offenbar nicht der Sippe zugehörig und waren vielleicht exogame Liebhaber, was die hohe Zahl der ortfremden Männer erklären kann. Das könnte wiederum bedeuten, dass „exogam tätige“ Männer eher nicht an der täglichen Arbeit in der Sippe ihrer Liebhaberin teilnahmen und ohne Werkzeug (bzw. Waffe) das fremde Sippengebiet betreten mussten. Es bestand dabei offenbar eine fifty-fifty-Chance am Wohnort der Geliebten zu sterben. Weiter könnten unter den untersuchten Skeletten viele Mesolithiker sein, was die fremden Strontium-Isotopen leicht erklären würde. In irgendeiner Weise müsste sich auch in den Gräberfeldern niederschlagen, dass schon zur Zeit der LBK fahrende Händlerinnen und Händler sich weit von ihrer Heimat entfernten und nicht zurückkehrten. Dass die ortsfremden Frauen zum Zwecke der patriarchalen Ehe an den Ort gezogen sind, ist nicht beweisbar. Nachdem matrifokalen Modell bandkeramischer Ausbreitung, wie ich es in „Archäologie und Macht“ beschrieben habe, waren Frauen mit ihren Sippen unterwegs auf der Suche nach neuen Siedlungsplätzen.

Die Studie beweist weder Patrilokalität, noch, dass die Felder den Männern gehörten, noch dass die Auswärtigen unterdrückt wurden. Letztlich wissen wir nicht, welche kostbaren Gegenstände aus den Gräbern längst verrottet sind, z.B. Stoffe oder hölzerne Objekte, die mindestens genauso wertvoll erachtet worden sein können wie die Äxte. Von einer stark hierarchischen Gesellschaft kann also keine Rede sein, und es ist auffällig, dass sich die Forscher nicht wundern, dass sich in den Bauwerken keine Hierarchie bemerkbar macht, dies auch noch lange nach der LBK, wie in „Archäologie und Macht“ erläutert.

 

Literatur:

Bentley, R. Alexander; Bickle, Penny; Fibigerc, Linda; Nowell, Geoff M.; Dale, Christopher W.; Hedges, Robert E. M.; Hamilton, Julie; Wahl, Joachim; Francken, Michael; Grupe, Gisela; Lenneish, Eva; Teschler-Nicola, Maria; Arbogast, Rose-Marie; Hofmann, Daniela; Whittle, Alasdair: Community differentiation and kinship among Europe’s first farmers. In: PNAS 12.06.2012. Vol. 109 No. 24, S. 9326–9330 http://www.pnas.org/content/109/24/9326.full

Peter-Röcher, Heidi: Kannibalismus in der prähistorischen Forschung. Berlin/Bonn 1994 (dort bes. S. 103)

Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012 http://www.amazon.de/dp/3844814205

Wieselberg, Lukas: Die Ungleichheit ist älter als gedacht. Online-Dokument vom 29.05.2012. http://science.orf.at/stories/1699108/

Wunn, Ina: Götter, Mütter, Ahnenkult. Neolithische Religionen in Anatolien, Griechenland und Deutschland. Dissertation an der Gemeinsamen Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover. 1999 (dort bes. S. 228)
http://d-nb.info/958530386/34

Meldungen über Gewalt in der Frühgeschichte gierig verschlungen und daran beinahe erstickt


In letzter Zeit sind gehäuft Schlagzeilen zu lesen, wonach bisher als friedlich eingeschätzte Kulturen doch äußerst gewalttätig gewesen seien. Für die Quote sind Mord und Totschlag natürlich immer gut und auch die Archäologie profitiert davon. Das geht leider aber auf Kosten Anderer und auf Kosten des Erkenntnisgewinns. Aber ist das wirklich nur Sensationspresse? Hanebüchen waren schon die Schlussfolgerungen, die aus den zweifelhaften Untersuchungen an Skeletten aus der Bandkeramischen Kultur (Jungsteinzeit Mitteleuropas) gezogen wurden. Der versuchte Rufmord an der Minoischen Kultur (Bronzezeit Kretas) war hier ebenfalls schon Thema. Jetzt steht auch die Indus-Kultur (= Harappa-Kultur, Bronzezeit Pakistan) im Fokus der vermeintlichen Sensationsarchäologie. Aus den Gräbern der Stadt Harappa wurden Schädel von 18 Männern und Frauen untersucht, von denen die Hälfte unverheilte Verletzungen aufwiesen.

„Ein friedvolles Reich? Trauma und soziale Differenzierung in Harappa“ lautete übersetzt der Titel des englischen Original-Berichts. Daraus kreierte das Magazin „National Geographic“ den Titel „Überraschende Entdeckungen aus der Indus Zivilisation“ und den Untertitel „Archäologen sagen, dass die Indus-Kultur nicht annähernd so friedlich war, wie allgemein gedacht.“
Aber der kriegerische Gesamteindruck trügt und wurde mit der gleichen Methode erzeugt, die schon an der Bandkeramischen und Minoischen Kultur geprobt wurde: Nur beiläufig wird erwähnt, dass die Befunde aus der Endzeit der Kultur stammen. Die Zahl der untersuchten Individuen ist zudem zu gering, um eine generelle Aussage zu treffen. Weiterlesen